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5 (1855) Vermische Schriften : erste Abtheilung
Entstehung
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Hätte ich dm Pinsel Raphaels, die Melodien Mozarts und die SpracheCaldcrons, so gelänge es mir vielleicht, Ihnen ein Gefühl in die Brust zuzaubern, das Sie empfinden würden, wenn eine wahre Polin, eine Weich-sel-Aphrodite, vor Ihren hochbegnadigtcn Augen leibhastig erschiene« Aberwas sind raphaelsche Farbenkickse gegen diese Altarbilder der Schönheit, die derlebendige Gott in seinen heitersten Stunden fröhlich hingczeichnet! Wassind mozartsche Klimpereien gegen die Worte, die gefüllten Bonbons für dieSeele, die aus den Rosenlippen dieser Süßen hervorquellen! Was sind allecalderonischen Sterne der Erde und Blumen des Himmels gegen diese Holden,die ich ebenfalls auf gut calderonisch, Engel der Erde benamse, weil ich dieEngel selbst Polinnen des Himmels nenne! Ja, mein Lieber, wer in ihreGazellen-Augen blickt, glaubt an den Himmel, und wenn er der eifrigste An-hänger des Baron Holbach war;

Wenn ich über den Charakter der Polinnen sprechensoll, so bemerke ich blos: sie sind Weiber. Wer will sich anheischig machen,den Charakter dieser letztern zu zeichnen!

Ein sehr wcrther Weltweiscr, der zehn Oktavbändeweibliche Charaktere"geschrieben, hat endlich seine eigne Frau in militärischen Umarmungen gefun-den. Ich will hier nicht sagen, die Weiber hätten gar keinen Charakter. BeiLeibe nicht! Sie haben vielmehr jeden Tag einen andern. Diesen immer-währenden Wechsel des Charakters will ich ebenfalls durchaus nicht tadeln.Es ist sogar ein Vorzug. Ein Charakter entsteht durch ein System stereotyperGrundsätze. Sind letztere irrig, so wird das ganze Leben desjenigen Men-schen, der sie systematisch in in seinem Geiste ausgestellt, nur ein großer, langerJrrthum sein. Wir loben das, und nennen esCharakter haben" wenn einMensch nach festen Grundsätzen handelt, und bedenken nicht, daß in einemsolchen Menschen die Willensfreiheit untergegangen, daß sein Geist nicht fort-schreitet, und daß er selbst ein blinder Knecht seiner verjährten Gedanken ist.Wir nennen das auch Consequenz, wenn Jemand dabei bleibt, was er ein fürallemal in sich aufgestellt und ausgesprochen hat, und wir find oft tolerantgenug, Narren zu bewundern und Bösewichter zu entschuldigen, wenn sich nurvon ihnen sagen läßt: daß sie consequcnt gehandelt. Diese moralische Sclbst-unterjochung findet sich aber fast nur bei Männern; im Geiste der Frauenbleibt immer lebendig und in lebendiger Bewegung das Element der Freiheit.Jeden Tag wechseln sie ihre Weltansichten, meistens ohne sich dessen bewußtzu sein. Sie stehen des Morgens auf wie unbefangene Kinder, bauen desMittags ein Gedankensystem, das, wie ein Kartenhaus, des Abends wiederzusammen fällt. Haben sie heute schlechte Grundsätze, so wette ich darauf,haben sie morgen die allerbesten. Sie wechseln ihre Meinungen so oft wie