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5 (1855) Vermische Schriften : erste Abtheilung
Entstehung
Seite
386
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der Gleichheit entwickelte sich bei den polnischen Edcllcntcn jener Nationalstolz,der uns oft so sehr überrnscht durch seine Herrlichkeit, der uns oft auch so sehrärgert durch seine Geringschätzung des Deutschen, und der so sehr contrastirtmit cingeknutetcr Bescheidenheit. Durch eben jene Gleichheit entwickelte sichder bekannte großartige Ehrgcitz, der den Geringsten wie den höchsten beseelte,und der oft nach dem Gipfel der Macht strebte: da Polen meistens ein Wahl-reich war. Herrschen hieß die süße Frucht, nach der eS jedem Polen gelüstete.Nicht durch Geistes-Waffcn wollte der Pole sie erbeuten, diese führen nurlangsam zum Ziele; ein kühner Schwcrthicb sollte die süße Frucht zum raschenGenuß herunterhauen. Daher aber bei den Polen die Vorliebe für den Mi-litärstand, wozu ihr heftiger und streitlustiger Charakter sie hinzog; daher beiden Polen gute Soldaten und Generale, aber gar wenige seidene Staatsmän-ner, noch viel weniger zu Ansehen gestiegene Gelehrte. Die Vaterlandsliebeist bei den Polen das große Gefühl, worin alle anderen Gefühle, wie derStrom in das Weltmeer zusammen fließen; und dennoch trägt dieses Vater-land kein sonderlich reihendes Aenßcrc. Ein Franzose, der diese Liebe nichtbegreifen konnte, betrachtete eine trübselige polnische Sumpfgegend, stampfteein Stück aus dem Boden, und sprach pfiffig und kopfschüttelnd:Und dasnennen die Kerls ein Vaterland!" Aber nicht aus dem Boden selbst, nuraus dem Kampfe um Selbstständigkeit, ans historischen Erinnerungen und ausdem Unglück ist bei den Polen diese Vaterlandsliebe entsprossen. Sic flammtjetzt noch immer so glühend wie in den Tagen KoSzinSko's: vielleicht nochglühender. Fast bis zur Lächerlichkeit ehren jetzt die Polen Alles, was vater-ländisch ist. Wie ei» Sterbender, der sich in krampfhafter Angst gegen denTod sträubt, so empört und sträubt sich ihr Gcmüth gegen die Idee der Ver-nichtung ihrer Nationalität. Dieses Todcszuckcn des polnischen Volkskörpcrsist ei» entsetzlicher Anblick! Aber alle Völker Europas und der ganzen Erdewerden diesen Todeskampf überstehen müssen, damit aus dem Tode das Leben,aus der heidnischen Nationalität die christliche Fraternität hervorgehe. Ichmeine hier nicht alles Aufgebe» schöner Besonderheiten, worin sich die Liebeam liebsten abspiegelt, sondern jene von uns Deutschen am meisten erstrebteund von unfern edelsten Volkssprechcrn, Lcsfing, Herder, Schiller u. s. w.am schönsten ausgesprochene allgemeine Menschcnverbrüdcrung, das Urchri-stenthum. Von diesem sind die polnischen Edellcutc, eben so gut wie wir, nochsehr entfernt. Ein großer Thcil lebt noch in den Formen des Katholizismus,ohne leider den großen Geist dieser Formen und ihren jetzigen Ucbergang zumWeltgeschichtlichen zu ahnen; ein größerer Thcil bekennt sich zur französischenPhilosophie. Ich will hier diese gewiß nicht verunglimpfe» : es gicbt Stun-den wo ich sie verehre, und sehr verehre; ich selbst bin gewissermaßen ein Kindderselben. Aber ich glaube doch, es fehlt ihr die Hauptsache die Liebe.