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5 (1855) Vermische Schriften : erste Abtheilung
Entstehung
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seinem eigenen Getreide schicken; es wäre ja auch sein eigener Verlust, wennder Bauer verhungerte oder nicht säen könnte. Er muß ihm aus demselbenGrunde ein neues Stück Vieh schicken, wenn der Ochs oder die Kuh des Bauerskrcpirt ist. Er giebt ihm Holz im Winter, er schickt ihm Aerzte, Arzneien,wenn er oder Einer von der Familie krank ist; kurz, der Edelmann ist der be-ständige Vormund desselben. Ich habe mich überzeugt, daß diese Vormund-schaft von den meisten Edellcuten sehr gewissenhaft und liebreich ausgeübt wirdund überhaupt gefunden, daß die Edelleutc ihre Bauern milde und gütig be-handeln; wenigstens sind die Reste der alten Strenge selten. Viele Edelleutewünschen sogar die Selbstständigkeit der Bauern der größte Mensch, denPolen hervorgebracht hat, und dessen Andenken noch in allen Herzen lebt,Thadäus Kosziusko, war eifriger Beförderer der Baucrn-Emancipation unddie Grundsätze eines Lieblings dringen unbemerkt in alle Gemüthcr. Außer-dem ist der Einfluß französischer Lehre», die in Polen leichter als irgendwoEingang finden, von unberechenbarer Wirkung für den Zustand der Bauern.Sie sehen, daß es mit Letzteren nicht mehr so schlimm steht, und daß ein all-mähliches Selbstständigwcrdcn derselben wohl zu hoffen ist. Auch die preußischeRegierung scheint dies durch zweckmäßige Einrichtungen nach und nach zu er-zielen. Möge diese begütigende Ailmählichkcit gedeihen; sie ist gewisser, zeit-lich nützlicher, als die zcrstörungssüchtige Plötzlichkeit. Aber anch das Plötz-liche ist zuweilen gut, wie sehr man dagegen eifere.

Zwischen dem Bauer und dem Edelmann stehen in Polen die Juden. Diesebetragen fast mehr als den vierten Theil der Bevölkerung, treiben alle Ge-werbe, und können füglich der dritte Stand Polens genannt werden. UnsereStatistik-Compendienmacher, die an alles den deutschen, wenigstens den fran-zösischen Maaßstab legen, schreiben also mit Unrecht: daß Polen keinen Uers6tat habe, weil dort dieser Stand von den übrigen schroffer abgesondert ist, weilseine Glieder am Mißverständnisse des alten Testaments Gefallen finden

und weil dieselben vom Ideal gcmüthlichcr Bürgcrlichkeit, wie dasselbe

in einem Nürnberger Fraucn-Taschcnbuche, unter dem Bilde reichsstädtischerPhiliströsität, so niedlich und sonntäglich schmuck dargestellt wird, äußerlich nochsehr entfernt sind. Sie sehen also, daß die Juden in Polen durch Zahl undStellung von größerer staatswirthschaftlichcr Wichtigkeit sind, als bei uns inDeutschland, und daß um Gediegenes über dieselben zu sagen, etwas mehrdazu gehört, als die großartige Leihhaus-Anschauung gefühlvoller Roman-schrciber des Nordens, oder der naturphilosophischc Tiefsinn geistreicher Ladcn-diener des Südens. Man sagte mir, daß die Juden des Großhcrzogthumsauf einer niedrigeren Humanitätsstufe ständen, als ihre östlicheren Glaubens-