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5 (1855) Vermische Schriften : erste Abtheilung
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Nittcrthum und die Bilder der alten Feudalzeit? Ich glaube, das deutscheVolk wollte auf immer Abschied nehmen von dem Mittelalter; aber gerührt,wie wir es leicht sind, nahmen wir Abschied mit einem Kusse. Wir drücktenzum letzten Male unsere Lippen auf die alten Lcichcnstcinc. Mancher vonuns freilich geberdete sich dabei höchst narrisch. Ludwig Tieck, der kleineJunge der Schule, grub die todtcn Voreltern aus dem Grabe heraus, schaukelteihren Sarg, als.war' es eine Wiege, und mit aberwitzig kindischem Lallensang er dabei: Schlaf', Großväterchen, schlafe!

Ich habe WaI tcr Sco tt den zweiten großen Dichter Englands und seineRomane Meisterwerke genannt. Aber nur seinem Genius wollte ich dashöchste Lob crthcilcn. Seine Rölnane selbst kann ich dem großen Roman desCervantes keineswegs gleichstellen. Dieser übertrifft ihn an epischem Geist.Cerv an tes war, wie ich schon erwähnt habe, ein katholischer Dichter, unddieser Eigenschaft verdankt er vielleicht jene große epische Seelenruhe, die, wieein Krystallhimmcl, seine bunten Dichtungen überwölbt: nirgends eine Spaltedes Zweifels. Dazu kömmt noch die Ruhe des spanischen National-Charak-tcrs» Walter Scott aber gehört einer Kirche, welche selbst die göttlichenDinge einer scharfen Discussion unterwirft; als Advokat und Schotte ist ergewöhnt an Handlung und Discussion, und, wie in seinem Geiste und Lebenso ist auch in seinen Romanen das Dramatische vorherrschend. Seine Werkekönnen daher nimmermehr als reine Muster jener Dichtungsart, die wir Ro-man nennen, betrachtet werden. Den Spaniern gebührt der Ruhm, denbesten Roman hervorgebracht zu haben, wie man den Engländern den Ruhmzusprechen muß, daß sie im Drama das Höchste geleistet.

Und den Deutschen, welche Palme bleibt ihnen übrig? Nun, wir sind diebesten Liederdichter dieser Erde. Kein Volk besitzt so schöne Lieder, wie dieDeutschen. Jetzt haben die Völker allzuviele politische Geschäfte; tvenn aberdiese einmal abgcthan sind, wollen wir Deutsche, Britten, Spanier, Fran-zosen, Italiener, wir wollen Alle hinausgehen in den grünen Wald undsingen, und die Nachtigall soll Schiedsrichtern: sein. Ich bin überzeugt, beidiesem Wettgcsange wird das Lied von Wolfgang Goethe den Preisgewinnen.

Cervantes, Shakespeare und Goethe bilden das Dichtcr-Trinmvirak, das in den drei Gattungen poetischer Darstellung, im Epischen,Dramatischen und Lyrischen, das Höchste hervorgebracht. Vielleicht ist derSchreiber dieser Blätter besonders befugt, unfern großen Landsmann als denvollendetsten Liederdichter zu preisen. Goethe steht in der Mitte zwischenden beiden Ausartungen des Liedes, jenen zwei Schulen, wovon die eine leidermit meinem eigenen Namen, die andere mit dem Namen Schwabens bezeich-net wird. Beide freilich haben ihre Verdienste: sie förderten indirekter Weise