Druckschrift 
5 (1855) Vermische Schriften : erste Abtheilung
Entstehung
Seite
371
Einzelbild herunterladen
 

das Gedeihen der deutschen Poesie. Die crstere bewirkte eine heilsame Rcactiongegen den einseitigen Idealismus im deutschen Licde, sie führte den Geistzurück zur starken Realität und entwurzelte jenen sentimentalen Pctrarchis-mus, der uns immer als eine lyrische Donquixoteric erschienen ist. Dieschwäbische Schule wirkte ebenfalls indirect zum Heile der deutschen Poesie.Wenn in Norddcutschland kräftig gesunde Dichtungen zum Vorschein kommenkonnten, so verdankt mau dieses vielleicht der schwäbischen Schule, die allekränkliche, blcichsüchtigc, fromm gemüthliche Feuchtigkeiten der deutschen Musean sich zog. Stuttgart war gleichsam die Fontanelle der deutschen Muse.

Indem ich die höchsten Leistungen im Drama, im Roman und im Licdedem erwähnten großen Triumvirate zuschreibe, bin ich weit davon entfernt, audem poetischen Werthe anderer großen Dichter zu mäkeln. Nichts ist thörich-ter, als die Frage: welcher Dichter größer sei, als der andere? Flamme istFlamme, und ihr Gewicht läßt sich nicht bestimmen nach Pfund und Unze.Nur platter Krämcrsinn kommt mit seiner schäbigen Käscwage und will denGenius wiegen. Nicht blos die Alten, sondern auch manche Neuere habenDichtungen geliefert, worin die Flamme der Poesie eben so prachtvoll lodert,wie in den Meisterwerken von Shakespeare, Cervantes und Goethe.Jedoch diese Namen halten zusammen, wie durch ein geheimes Band. Esstrahlt ein verwandter Geist aus ihren Schöpfungen; es weht darin eine ewigeMilde, wie der Athcm Gottes; cS blüht darin die Bescheidenheit der Natur.Wie an Shakespeare, erinnert Goethe auch beständig an Cervan-tes, und diesem ähnelt er bis in die Einzclnhcite» des Styls, in jener behag-lichen Prosa, die von der süßesten und harmlosesten Ironie gefärbt ist. Cer-vantes und Goethe gleichen sich sogar in ihren Untugenden: in derWeitschweifigkeit der Rede, in jenen langen Perioden, die wir zuweilen beiihnen finden, und die einem Aufzug königlicher Equipagen vergleichbar.Nicht selten sißt uur ein einziger Gedanke in so einer breitausgcdchnte»Periode, die wie eine große vergoldete Hofkutsche mit sechs panaschirtcn Pfer-den gravitätisch dahinfährt. Aber dieser einzige Gedanke ist immer etwasHohes, wo nicht gar der Souverain.

lieber den Geist des Cervantes und den Einfluß seines Buches habe ichnur mit wenigen Andeutungen reden können, lieber den eigentlichen Kunst-wcrth seines Romans kann ich mich hier noch weniger verbreiten, indem Er-örterungen zur Sprache kämen, die allzuweit in's Gebiet der Aesthctik hinab-führen würden. Ich darf hier auf die Form seines Romaus und die zweiFiguren, die den Mittelpunkt desselben bilden, nur im Allgemeinen aufmerk-sam machen. Die Form ist nämlich die der Nciscbeschrcibung, wie solches vonjeher die natürlichste Form für diese DichtungSart. Ich erinnere hier nur anden goldenen Esel des Apulcjus, den ersten Roman des AlterthumS. Der