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5 (1855) Vermische Schriften : erste Abtheilung
Entstehung
Seite
365
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mit ihren Dornen verletzten? Einst an einem hellen Sommernachmittagging er, ein junger Fant, am Tajo spazieren mit einer sechzehnjährigen Schö-nen, die sich beständig über seine Zärtlichkeit moquirte. Die Sonne war nochnicht untergegangen, sie glühte noch in ihrer goldigsten Pracht; aber oben amHimmel stand schon der Mond, winzig und blaß, wie ein weißes Wölkchen.Siehst du," sprach der junge Dichter zu seiner Geliebten,siehst du dort obenjene kleine bleiche Scheibe? der Fluß hier neben uns, worin sie sich abspiegelt,scheint nur aus Mitleiden ihr ärmliches Abbild auf seinen stolzen Fluten zutragen, und die gekräuselten Wellen Wersen es zuweilen spottend an's Ufer.Aber laß nur den alten Tag verdämmern! Sobald die Dunkelheit anbricht,erglüht droben jene blasse Scheibe immer herrlicher und herrlicher, der ganzeFluß wird überstrahlt von ihrem Lichte, und die Wellen, die vorhin so wegwer-fend übcrmüthig, erschauern jetzt bei dem Anblick dieses glänzenden Gestirnsund schwellen ihm entgegen mit Wollust."

In den Werken der Dichter muß man ihre Geschichte suchen, und hier findetman ihre geheimsten Bekenntnisse. Ueberall, mehr noch in seinen Dramenals im Don Quixote, sehen wir, was ich bereits erwähnt habe, daßCervantes lange Zeit Soldat war. In der That, das römische Wort:Leben heißt Krieg führen! findet auf ihn seine doppelte Anwendung. Als ge-meiner Soldat kämpfte er in den meisten jener wilden Waffenspiele, die KönigPhilipp II. zur Ehre Gottes und seiner eigenen Lust in allen Landen auf-führte. Dieser Umstand, daß Cervantes dem größten Kämpen des Ka-tholicismus seine ganze Jugend gewidmet, daß er für die katholischen Interessenpersönlich gekämpft, läßt vermuthcn, daß diese Interessen ihm auch theuer amHerzen lagen, und widerlegt wird dadurch jene vielverbrcitetc Meinung, daßnur die Furcht vor der Inquisition ihn abgehalten habe, die protestantischenZeitgedankcn im Don Quirote zu besprechen. Nein, Cervanteswar ein getreuer Sohn der römischen Kirche, und nicht blos blutete sein Leibim ritterlichen Kampfe für ihre gebenedeite Fahne, sondern er litt für sie auchmit seiner ganzen Seele das peinlichste Martyrthum während seiner langjäh-rigen Gefangenschaft unter den Ungläubigen.

Dem Zufall verdanken wir mehr Details über das Treiben des Cerva n-tes zu Algier, und hier erkennen wir in dem großen Dichter einen eben sogroßen Helden. Die Gefangenschaftsgeschichte widerspricht auf's glänzendsteder melodischen Lüge jenes glatten Lebemannes, der dem Augustus undallen deutschen Schulfllchsen weiß gemacht hat, er sei ein Dichter und Dichterseien feige. Nein, der wahre Dichter ist auch ein wahrer Held, und in seinerBrust wohnt die Geduld, die, wie der Spamer sagt, ein zweiter Muth ist. Esgicbt kein erhabeneres Schauspiel, als den Anblick jenes edcln Castilianers, derdem Dey zu Algier als Sklave dient, beständigauf Befreiung sinnt, seine küh-

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