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5 (1855) Vermische Schriften : erste Abtheilung
Entstehung
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Bann bezaubernder Dichtung und prachtvoller anmuthigcr Formen zu stehen.Neben dem schrecklichen, unerbittliche» Juden, gegen seine gewaltigen Schattendurch ihre Glanzlichter abstechend, hängt sie wie ein prächtiger Schönhcit-athmcndcr Tizian neben einem herrlichen Reinbrandt.

Portia hat ihr gehöriges Thcil von den angenehmen Eigenschaften, dieShakespeare über viele seiner weiblichen Charaktere ausgegossen; neben derWurde aber, der Süßigkeit und Zärtlichkeit, welche ihr Geschlecht überhauptauszeichnen, auch noch ganz cigcnthümliche, besondere Gaben: hohe geistigeKraft, begeisterte Stimmung, entschiedene Festigkeit und allem obschwcbendeMunterkeit. Diese sind angeboren; sie hat aber noch andere ausgezeichneteäußerliche Eigenschaften, die aus ihrer Stellung und ihren Bezügen hervor-gehen. So ist sie Erbin eines fürstlichen Namens und unberechenbarenRcichthums; ein Gcfolg dienstwilliger Lustbarkeiten hat sie stets umgeben;von Kindheit an hat sie eine mit Wohlgerllchen und Schmeichcldüftcn durch-wllrztc Luft gcathmct. Daher eine gebieterische Anmuth, eine vornehmehehre Zierlichkeit, ein Geist der Pracht in allem was sie thut und sagt, als dievon Geburt an mit dem Glänze vertraute. Sie wandelt einher, wie inMarmorpalästcn, unter goldverzicrten Decken, aus Fußböden von Ceder undMosaiken von Jaspis und Porphyr, in Gärten mit Standbildern, Blumenund Quellen nnd gcisterartig flüsternder Musik. Sie ist voll eindringenderWeisheit, unverfälschter Zärtlichkeit und lebhasten Witzes. Da sie aber nieMangel, Gram, Furcht oder Mißerfolg gekannt, so hat ihre Weisheit keinenZug von Düsterheit oder Trübheit; all' ihre Regungen sind mit Glauben,Hoffnung, Freude versetzt; und ihr Witz ist nicht im mindesten böswilligoder beißend.

Obige Worte entlehne ich einem Werke der Frau Jamcson, welchesMo-ralische, poetische und historische Frauen-Charaktere" betitelt. Es ist in diesemBuche nur von Shakcspcarc'schen Weibern die Rede, und die angeführte Stellezeugt von dem Geiste der Verfasserin, die wahrscheinlich von Geburt eineSchottin ist. Was sie über Portia im Gegensatz zu Shylok sagt, ist nichtbloS schön, sondern auch wahr. Wollen wir letzteren, in üblicher Auffassung,als den Repräsentanten des starren, ernsten kunstfeindlichen Judäas be-trachten, so erscheint uns dagegen Portia als die Repräsentantin jener Nach-blüthe des griechischen Geistes, welche von Italien ans, im scchszehnten Jahr-hundert, ihren holden Duft über die Welt verbreitete nnd welche wir noch heuteunter dem Namendie Rcnaissanyc" lieben und schätzen. Portia ist zugleichdie Repräsentantin des heitern Glückes im Gegensätze zu dem düstcrn Mißge-schick, welches Shylok repräscntirt. Wie blühend, wie rosig, wie rciuklingcndist all ihr Denken und Sprechen, wie frcudewarm sind ihre Worte, wie schönalle ihre Bilder, die meistens der Mythologie entlehnt sind! Wie trübe, knei-