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5 (1855) Vermische Schriften : erste Abtheilung
Entstehung
Seite
334
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send und häßlich sind dagegen die Gedanken und Reden des Shylok, der imGcgcntheil nur alttcstamcntalische Gleichnisse gebraucht! Sein Wiß istkrampfhaft und ästend, seine Metaphern sucht er unter den widerwärtigstenGegenständen, und sogar seine Worte sind zusammengeguctschte Mißlautc,schrill, zischend und guirrend. Wie die Personen so ihre Wohnungen. Wennwir sehen, wie der Diener Jehovas, der weder ein Abbild Gottes noch desMenschen, des erschaffenen Contersci Gottes, in seinemehrbaren Hause"duldet, und sogar die Ohren desselben, die Fenster, verstopft, damit die Tönedes heidnischen Mummenschanz nicht hineinbringen in seinehrbares HauS"... so sehen wir im Gcgcntheil das kostbarste und geschmackvollste Villcggia-tura-Lcbcn in dem schönen Palazzo zu Bclmontet, wo lauter Licht und Musik,wo unter Gemälden, marmornen Statuen und hohen Lorbeerbäumen die ge-schmückten Freier lustwandeln und über Liebcsräthscl sinnen, und inmittenaller Herrlichkeit Signora Portia, gleich einer Göttin hervorglänzt.

Das sonnige Haar die Schläf' umwallend.

Durch solchen Kontrast werden die beiden Hauptpersonen des Dramas soindividualisirt, daß man darauf schwören möchte, es seien nicht Phantasicbildcreines Dichters, sondern wirkliche, wcibgcbornc Menschen. Ja, sie erscheinenuns noch lebendiger als die gewöhnlichen Naturgcschöpfc, da weder Zeit nochTod ihnen etwas anhaben kann, und in ihren Adern das unsterblichste Blut,die ewige Poesie, pnlsirt. Wenn du nach Venedig kommst und den Dogcn-palast dnrchwandclst, so weißt du sehr gut, daß du weder im Saal der Sena-toren, noch auf der Riescntreppc dem Marino Falidri begegnen wirst; anden alten Dandalo wirst du im Arsenale zwar erinnert, aber auf keiner dergoldenen Galeren wirst du den blinden Helden suchen; siehst du an einerEcke der Straße Santa eine Schlange in Stein gehauen, und an der andernEcke den geflügelten Löwen, welcher das Haupt der Schlange in der Taste hält,so kömmt dir vielleicht der stolze Carmagnole in den Sinn, doch nur ans einenAugenblick: Aber weit mehr als an alle solche historische Personen denkst duzu Venedig an Shakespcare's Shylok, der immer noch lebt, während jene imGrabe längst vermodert sind, und wenn du über den Rialto steigst, so suchtihn dein Auge überall, und du meinst, er müsse dort hinter irgend einem Pfei-ler zu finden sein, mit seinem jüdischen Rokolor, mit seinem mißtrauisch be-rechnenden Gesicht, und du glaubst manchmal sogar seine kreischende Stimmezu hören:dreitausend Dukaten gut."

Ich wenigstens, wandelnder Tranmjäger, wie ich bin, ich sah mich auf demRialto überall um, ob ich ihn irgend fände, den Shylok. Ich hätte ihm etwasmitzntheilen gehabt, was ihm Vergnügen machen konnte, daß z. B. sein Vetter,Herr von Shylok zu Paris, der mächtigste Baron der Cbristenhcit geworden.