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Wo steckt da die christliche Liebe! Wahrlich, Shakespeare würde eine Sa-tpre auf das Christenthum gemacht haben, .wenn er es von jenen Personenrcpräscntircn ließe, die dem Shylvk feindlich gegenüber stehen, aber dennochkaum Werth sind, demselben die Schnhricmcn zu lösen. Der bankrotte Antonioist ein weichliches Gcmüth ohne Energie, ohne Stärke des Hasses und also auchohne Starke der Liebe, ein trübes Wurmherz, dessen Fleisch wirklich zu nichtsbesserem taugt, als „Fische damit zu angeln." Die abgcborgtcn dreitausendDukaten stattet er übrigens dem geprellten Juden keineswegs zurück. AuchBassanio gicbt ihm das Geld nicht wieder, und dieser ist ein ächter kortuno-bunter, nach dem Ausdruck eines englischen Kritikers; er borgt Geld, um sichetwas prächtig herausznstaffircn und eine reiche Hcirath, einen fetten Braut-schah zu erbeuten; denn, sagt er zu seinem Freunde:
Euch ist nicht unbekannt, Antonio,
Wie sehr ich meinen Glücksstand Hab' erschöpft,
Indem ich glänzender mich eingerichtet,
AIS meine schwachen Mittel tragen konnten.
Auch jammcr' ich jetzt nicht, daß die große ArtMir untersagt ist; meine Sorg' ist blos.
Mit Ehren von den Schulden loszukommen.
Worin mein Leben, etwas zu vcrschwcndrisch.
Mich hat verstrickt.
Was gar den Lorenzo betrifft, so ist er der Mitschuldige eines der infamstenHausdicbstahlc, und nach dem preußischen Landrccht würde er zu fünfzehnJahre Zuchthaus vcrurtheilt und gcbrandmarkt und an den Pranger gestelltwerden; obgleich er nicht blos für gestohlene Dukaten und Juwelen, sondernauch für Naturschönheiten, Landschaften im Mondlicht und für Musik, sehrempfänglich ist. Was die andern edlen Venezianer betrifft, die wir als Gefähr-ten des Antonio auftreten sehen, so scheinen sie ebenfalls das Geld nicht sehrzu hassen, und für ihren armen Freund, wenn er ins Unglück gerathcn, habensie nichts als Worte, gemünzte Luft. Unser guter Pietist Franz Horn machthierüber folgende sehr wäßrige, aber ganz richtige Bemerkung: „Hier ist nunbillig die Frage auszuwerfen: wie war cS möglich, daß es mit Antonio'S Un-glück so weit kam? Ganz Venedig kannte und schätzte ihn, scine guten Be-kannten wußten genau um die furchtbare Verschrcibung, und daß der Judeauch nicht einen Punkt derselben wurde auslöschen lassen. Dennoch lassen sieeine» Tag nach dem andern verstreichen, bis endlich die drei Monate vorübersind, und mit denselben jede Hoffnung auf Rettung. Es würde jenen gutenFreunden, deren der tonigliche Kaufmann ja ganze Schaaren um sich zu habenscheint, doch wohl ziemlich leicht geworden sein, die Summe von dreitausend