— 325 —
Aber was sag' ich? der Genius des Shakespeare erhebt sich noch über denKleinhadcr zweier Glaubenspartheien, und sein Drama zeigt uns eigentlichweder Juden noch Christen, sondern Unterdrücker und Unterdrückte, und daswahnsinnig schmerzliche Aufjauchzen dieser letzter», wenn sie ihren übcrmüthigcnQuäler» die zugefügten Kränkungen mit Zinsen zurückzahlen können. VonNeligionsverschiedcnhcit ist in diesem Stücke nicht die geringste Spur, undShakespeare zeigt in Shylok nur einen Menschen, dem die Natur gebietet, sei-nen Feind zu hassen, wie er in Antonio und dessen Freunden keineswegs dieJünger jener gottlichen Lehre schildert, die uns befiehlt, unsere Feinde zu lie-ben. Wenn Shplok dem Manne, der bon ihm Geld borgen will, folgendeWorte sagt:
Stets trug ich's mit geduld'gem Achselzucken,
Signor Antonio, viel und oftcrmalsHabt ihr auf dem Nialto mich geschmähtUm meine Gelder und um meine Zinsen;
Denn dulden ist das Erbtheil unscrs Stamms.
Ihr scheltet mich abtrünnig, einen Bluthund,
Und speit auf meinen jüdischen Rocklor,
Und alles, weil ich nutz', was mir gehört.
Gut denn, nun zeigt sich's, ihr braucht meine Hülfe:Ei freilich ja, ihr kommt zu mir, ihr sprecht:
„Shplock, wir wünschten Gelder." So sprecht Ihr,
Der mir den Auswurf auf den Bart geleert,
Und mich getreten, wie ihr von der SchwelleDen fremden Hund stoßt; Geld ist eu'r Begehren.
Wie sollt' ich sprechen nun? Sollt' ich nicht sprechen;„Hat ein Hund Geld? Ist's möglich, daß ein SpitzDreitausend Dukaten leih'n kann?" Oder soll ichMich bücken und in eines Schuldners Ton,
Dcmüthig wispern, mit vcrhaltnem Odem,
So sprechen: „Schöner Herr, am letzten MittwochSpiet ihr mich an; ihr tratet mich den Tag;
Ein andermal hießt ihr mich einen Hund;
Für diese Höflichkeiten will ich euchDie und Gelder leih'n."
Da antwortete Antonio:
Ich könnte lcichtlich wieder dich so nennen,
Dich wieder anspci'n, ja mit Füßen treten. —
Heine. V. 28