— 324 —
mal, wenn ich dem Gedanken Raum gebe, daß vielleicht der ehrliche Jago, mitseinen bösen Glossen über die Liebe Desdemonas zu dem Mohren, nicht ganzUnrecht habe» mag. Am allerwidcrwärtigste» aber berühren mich Othello'sBemerkungen über die feuchten Hände seiner Gattin.
Ein eben so abcntheucrliches und bedeutsames Beispiel der Liebe zu einemMokrcn, wie wir in Titus Andronikus und Othello sehen, findet man inTausend und eine Nacht, wo eine schöne Fürstin, die zugleich eine Zauberinist, ihren Gemahl in einer statucnähnlichen Starrheit gefesselt hält, und ihntäglich mit Ruthen schlägt, weil er ihren Geliebten, einen häßlichen Neger,getödtct hat. Herzzerreißend sind die Klagetöne der Fürstin am Lager derschwarzen Leiche, die sie durch ihre Zauberkunst in einer Art von Scheinlebenzu erhalten weiß, und mit vcrzwcislungsvollcn Küssen bedeckt, und durch einennoch größeren Zauber, durch die Liebe, aus dem dämmernden Halbtode zuvoller Lcbenswahrhcit erwecken möchte. Schon als Knabe srappirte mich inden arabischen Mährchcn dieses Bild leidenschaftlicher und unbegreiflicher Liebe.
Iessika.
(Kaufmann von Venedig.)
Als ich dieses Stuck in Drurilane aufführen sah, stand hinter mir, in derLoge, eine schöne blasse Brittin, welche am Ende des vierten Aktes heftig weinteund mehrmals ausrief! tlls xoor man is rvrongsck! sdem armen Mann ge-schieht Unrecht.) Es war ein Gesicht vom edelsten griechischen Schnitt, unddie Augen waren groß und schwarz. Ich habe sie nie vergessen können, diesegroßen und schwarzen Augen, welche um Shylok geweint haben!
Wenn ich aber an jene Thräncn denke, so muß ich den Kaufmann von Ve-nedig zu den Tragödien rechnen, obgleich der Rahmen des Stückes von denheitersten Masken, Satprbildern und Amoretten verziert ist, und auch derDichter eigentlich ein Lustspiel geben wollte. Shakespeare hegte vielleicht dieAbsicht, zur Ergötzung des großen Haufens einen gedrillten Währwölf darzu-stellen, ein verhaßtes Fabelgcschöpf, das nach Blut lechzt, und dabei seine Toch-ter und seine Dukaten einbüßt und obendrein verspottet wird. Aber derGenius des Dichters, der Weltgeist, der in ihm waltet, steht immer höher alssein Privatwille, und so geschah es, daß er in Shylok, trotz der grellen Fratzen-haftigkelt, die Justifikazion einer unglücklichen Sekte aussprach, welche von derVorsehung, aus grheimnißvollcn Gründen, mit dem Haß des nieder» undvornehmen Pöbels belastet worden, und diesen Haß nicht immer mit Liebe ver-gelten wollte.