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im Sinne, daß unsere wildesten und herrlichsten Gefühle sich mit der Zeit ineine zahme Lauheit verwandeln, daß wir die Auge», die Lippen, die Hüften,die uns jcht so schauerlich begeistern, einst mit Gleichgültigkeit betrachten wer-den . . . Ach! dieser Gedanke ist melancholischer als jede Todesahnung!.. .Das ist ein trostloses Gefühl, wenn wir im heißesten Rausche an künftige Nüch-ternheit und Kühle denken, und auö Erfahrung wissen, daß die hochpoetischcnheroischen Leidenschaften ein so kläglich prosaisches Ende nehmen!. . .
Diese hochpoetischcn heroischen Leidenschaften! Wie die Theatcrprinzessin-ncn gebchrdcn sie sich, und sind Hochroth geschminkt, prachtvoll kostumirt, mitfunkelndem Geschmeide beladen, und wandeln stolz einher und dcklamircn ingemessenen Jamben . . . Wenn aber der Vorhang fällt, zieht die arme Prin-zessin ihre WerkcltagSklcidcr wieder an, wischt sich die Schminke von den Wan-gen, sie muß den Schmuck dem Gardcrobcmcistcr überliefern, und schlotterndhängt sie sich an den Arm des ersten besten StadtgerichtSrcfercndarii, sprichtschlechtes Berliner Deutsch, steigt mit ihm in eine Mansarde, und gähnt undlegt sich schnarchend aufs Ohr, und hört nicht mehr die süßen Bcthcurungcn!„Sie spielten jettlich, auf Ehre" . . .
Ich wage es nicht Shakespeare im mindesten zu tadeln, und nur meine Ver-wunderung möchte ich darüber aussprechen, daß er den Romeo erst eine Leiden-schaft für Nosalindc empfinden läßt, che er ihn Julien zuführt. Troß dem,daß er sich der zweiten Liebe ganz hingiebt, nistet doch in seiner Seele eine ge-wisse Skepsis, die sich in ironischcn Redensarten kundgiebt, und nicht selten anHamlet erinnert. Oder ist die zweite Liebe bei dem Manne die stärkere, ebenweil sie alsdann mit klarem Selbstbewußtsein gepaart ist? Bei dem Weibegiebt es keine zweite Liebe, seine Natur ist zu zart, als daß sie zweimal dasfurchtbarste Erdbeben des Gemüthcs überstehen könnte. Betrachtet Julie.Wäre sie im Stande zum zweiten Male die überschwenglichen Seligkeiten undSchrecknisse zu ertragen, zum zweiten Male aller Angst tropbictcnd, den schau-derhaften Kelch zu leeren? Ich glaube, sie hat genug am ersten Male, diesearme Glückliche, dieses reine Opfer der große» Passion.
Julie liebt zum ersten Male, und liebt mit voller Gcsnndbcit des Leibes undder Seele. Sie ist vierzehn Jahre alt, was in Italien so viel gilt, wie sieb-zehn Jahre nordischer Währung. Sie ist eine Nosenknospc, die eben, vorunseren Augen, von Romeos Lippen aufgcküßt ward, und sich in jugendlicherPracht entfaltet. Sic hat weder aus weltlichen noch aus geistlichen Bücherngelernt was Liebe ist; die Sonne hat cS ihr gesagt und der Mond hat es ihrwiederholt, und wie ein Echo hat es ihr Herz nachgesprochen, als sie sich nächt-lich unbclauscht glaubte. Aber Romeo stand unter dem Ballone und hat ihreReden gehört, und nimmt sie beim Wort. Der Charakter ihrer Liebe ist