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5 (1855) Vermische Schriften : erste Abtheilung
Entstehung
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Julie.

(Romeo und Julie,)

In der That, jedes Shakespearc'sche Stück hat sein besonderes Klima, seinebestimmte Jahrszeit und seine lokalen Eigenthümlichkciten. Wie die Perso-nen in jedem dieser Dramen, so hat auch der Boden und der Himmel, derdarin sichtbar wird, eine besondere Phpsionomie. Hier, in Nomco und Julie,sind wir über die Alpen gestiegen und befinden uns plötzlich in dem schönenGarten, welcher Italien heißt. . .

Kennst du das Land, wo die Zitronen bliihn,

Im dunkeln Laub die Goldorangen gliihn?

Es ist das sonnige Verona, welches Shakespeare zum Schauplätze gewählthat für die Großthatcn der Liebe, die er in Romeo und Julie verherrlichenwollte. Ja, nicht das benannte Mcnschenpaar, sondern die Liebe selbst ist derHeld in diesem Drama. Wir sehen hier die Liebe jugendlich nbermüthig auf-treten, allen feindlichen Verhältnissen Trotz bietend, und Alles besiegend . . .Denn sie fürchtet sich nicht, in dem großen Kampfe zu dem schrecklichsten abersichersten Bundesgenossen, dem Tode, ihre Zuflucht zu nehmen. Liebe imBündnisse mit dem Tode ist unüberwindlich. Liebe! Sie ist die höchste undsiegreichste aller Leidenschaften. Ihre weltbezwingcnde Stärke besteht aber inihrer schrankenlosen Großmuth, in ihrer fast übersinnlichen Uncigennntzigkcit,in ihrer anfopfcrnngssllchtigcn Lebensverachtnng. Für sie giebt es kein Ge-stern und sie denkt an kein Morgen . . . Sie begehrt nur des heutigen Tages,aber diesen verlangt sie ganz, unverkürzt, nnvcrkümmcrt. . . Sic will nichtsdavon aufsparen für die Zukunft und verschmäht die aufgewärmten Reste derVergangenheit. . .Vor mir Nacht, hinter mir Nacht" . . . Sie ist einewandelnde Flamme zwischen zwei Finsternissen . . . Woher entsteht sie? . . .Aus unbegreiflich winzigen FUnkchen! . . . Wie endet sie? . . . Sic er-löscht spurlos, eben so unbegreiflich ... Je wilder sie brennt, desto frühererlöscht sie . . . Aber das hindert sie nicht, sich ihren lodernden Trieben ganzhinzugeben, als dauerte ewig dieses Feuer . . .

Ach, wenn man zum zweitenmal im Leben von der großen Glut ersaßt wird,so fehlt leider dieser Glaube an ihre Unsterblichkeit, und die schmerzlichste Erin-nerung sagt uns, daß sie sich am Ende selber aufzehrt. . . Daher die Ver-schiedenheit der Melancholie bei der ersten Liebe und bei der zweiten . . . Beider ersten denken wir, daß unsere Leidenschaft nur mit tragischem Tode endi-gen müsse, und in der That, wenn nicht anders die cntgcgcndrohenden Schwie-rigkeiten zu überwinden sind, entschließen wir uns leicht mit der Geliebten insGrab zu steigen . . . Hingegen bei der zweiten Liebe liegt uns der Gedanke