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5 (1855) Vermische Schriften : erste Abtheilung
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in Macbeth und Hamlet, wo er, mit künstlerischer Gelassenheit, neben dendunkelsten Schatten der Gemüthsnacht, die rosigsten Lichter des Witzes, nebenden wildesten Handlungen, das heiterste Stillleben, hinmalcn konnte. Ja, inder Tragödie Macbeth lächelt uns eine sanfte befriedete Natur entgegen: anden Fensterfliescn des Schlosses, wo die blutigste Unthat verübt wird, klebenstille Schwalbennester; ein freundlicher schottischer Sommer, nicht zu warm,nicht zu kühl, weht durch das ganze Stück; überall schöne Bäume und grünesLaubwerk, und am Ende gar kommt ein ganzer Wald cinhermarschirt, Bir-nam-Wald kommt nach Dunsinane. Auch in Hamlet kontrastirt die lieblicheNatur mit der Schwüle der Handlung; bleibt es auch Nacht in der Brust desHelden, so geht doch die Sonne darum nicht minder morgenröthlich auf, undPolonius ist ein amüsanter Narr, und es wird ruhig Komödie gespielt, undunter grünen Bäumen sitzt die arme Ophelia, und mit bunten, blühendenBlumen windet sie ihre Kränze. Aber in Lear herrschen keine solche Kontrastezwischen der Handlung und der Natur, und die entziigelten Elemente heulenund stürmen um die Wette mit dem wahnsinnigen König. Wirkt ein sitt-liches Ereigniß ganz außerordentlicher Art auch aus die sogenannte lebloseNatur? Befindet sich zwischen dieser und dem Menschengcmllth ein äußerlichsichtbares Wahlverhältniß? Hat unser Dichter dergleichen erkannt und dar-stellen wollen?

Mit der ersten Scene dieser Tragödie werden wir, wie gesagt, schon in dieMitte der Ereignisse geführt, und wie klar auch der Himmel ist, ein scharfesAuge kann das künftige Gewitter schon voraussehen. Da ist ein Wölkchenim Verstände Lears, welches sich später zur schwärzesten GeistcSnacht verdichtenwird. Wer in dieser Weise alles verschenkt, der ist schon verrückt. Wie dasGcmiith des Helden, so lernen wir auch den Charakter der Töchter schon inder Erposizionssccne kennen, und namentlich rührt uns schon gleich die schweig-same Zärtlichkeit Cordclias, der modernen Antigene, die an Innigkeit dieantike Schwester noch übertrifft. Ja, sie ist ein reiner Geist, wie es der Königerst im Wahnsinn einsieht. Ganz rein? Ich glaube, sie ist ein bischen eigen-sinnig, und dieses Fleckchen ist ein Vatermal. Aber wahre Liebe ist sehr ver-schämt und haßt allen Wortkram; sie kann nur weinen und verbluten. Diewehmüthige Bitterkeit, womit Cordelia aus die Heuchelei der Schwestern an-spielt, ist von der zartesten Art, und trägt ganz den Charakter jener Ironie,deren sich der Meister aller Liebe, der Held des Evangeliums, zuweilenbediente. Ihre Seele entladet sich des gerechtesten Unwillens und offenbartzugleich ihren ganzen Adel in den Worte»;

Fürwahr, nie hcurath' ich, wie meine Schwestern, nm blos meinenVater zu lieben.