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C o v d e l i a.
(König Lear.)
In diesem Stücke liegen Fußangel und Sclbstschüsse für den Leser, sagt einenglischer Schriftsteller. Ein anderer bemerkt, diese Tragödie sei ein Laby-rinth, worin sich der Commcntator verirren, und am Ende Gefahr lanfenkönne, von dem Minotanr, der dort banst, erwürgt zu werden; er möge hierdas kritische Messer nur zur Sclbstvcrthcidigung gebrauchen. Und in derThat, ist es jedenfalls eine mißliche Sache, den Shakespeare Zu kritisircn, ihn,ans dessen Worten uns beständig die schärfste Kritik unserer eignen Gedankenund Handlungen entgegen lacht: so ist es fast unmöglich, ihn in dieser Tra-gödie zu benrthcilcu, wo sein Genius bis zur schwindlichstcn Höhe sich empor-schwang.
Ich wage mich nur bis an die Pforte dieses Wunderbaus, nur bis zurExposition, die schon gleich unser Erstaunen erregt. Die Expositionen sindüberhaupt in Sbakespeaxc'S Tragödien bewunderungswürdig. Durch dieseersten Eingangs-Scencn werden wir schon gleich aus unseren Werkcltags-gcsühlen und Zunftgcdankcn herausgerissen, und in die Mitte jener unge-heuer» Begebenheiten verseht, womit der Dichter unsere Seelen erschütternund reinigen will. So eröffnet sich die Tragödie des Macbeth mit der Be-gegnung der Heren, und der weissagende Spruch derselben unterjocht nichtblos das Herz des schottischen Feldherr», den wir siegestrunken auftreten sehen,sondern auch unser eignes Zuschaucrhcrz, das jcltt nicht mehr loskann, bisalles erfüllt und beendigt ist. Wie in Macbeth das wüste, sinnebctäubcndcGrauen der blutigen Zauberwelt schon im Beginn uns ersaßt, so übcrfröstcltuns der Schauer des bleichen Gcistcrrcichs bereits in den ersten Sccnen desHamlet, und wir können uns hier nicht loswindcn von den gespenstischenNachtgefühlcn, von dem Alpdrücken der unheimlichsten Acngstc, bis alles voll-bracht, bis Dänemarks Luft, die von Mcnschcnfänlniß geschwängert war,wieder ganz gereinigt ist.
In de» ersten Sccnen des Lear werden wir auf gleicher Weise unmittelbarhineingezogen in die fremden Schicksale, die sich vor unseren Augen ankün-digen, entfalten und abschließen. Der Dichter gewährt uns hier ein Schau-spiel, das noch eutscßlichcr ist als alle Schrecknisse der Zaubcrwclt und desGcistcrrcichs: er zeigt uns nämlich die menschliche Leidenschaft, M alle Ver-nnnftdämme durchbricht, und iu der furchtbaren Majestät eines königlichenWahnsinns hinauStobt, wetteifernd mit der empörten Natur in ihrem wilde-sten Aufruhr. Aber ich glaube, hier endet die außerordentliche Obnlacht, diespielende Willkühr, womit Shakespeare seinen Stoff immer bewältigen konnte;hier beherrscht ihn sein Genius weit mehr als in den erwähnten Tragödien
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