— 312 —
. ........ Gott sei m!t dir!
Solch süß Gesicht, als dein's, erblickt' ich nie!
Bei meinem Leben, Herr, sie ist ein Engel,
Der König hält ganz Indien in den Armen,
Und viel, viel mehr, wenn er dies Weib empfängt!Ich tadle sein Gewissen nicht.
Von der Schönheit der Anna Bolepn gicbt uns der Dichter auch in der fol-genden Scenc einen Begriff, wo er den Enthusiasmus schildert, den ihr An-blick bei der Krönung hervorbrachte.
Wie sehr Shakespeare seine Gebieterin, die hohe Elisabeth, liebte, zeigt sichvielleicht am schönsten in der Umständlichkeit, womit er die Krönungsfcier ihrerMutter darstellt. Alle diese Details sankzioniren das Thronrecht der Tochter,und ein Dichter wußte die bestrittene Legitimität seiner Königin dem ganzenPublikum zu veranschaulichen. Aber diese Königin verdiente solchen LicbeS-ciser! Sie glaubte ihrer Königswllrde nichts zu vergeben, wenn sie demDichter gestattete, alle ihre Vorsahren, und sogar ihren eigenen Vater, mit ent-setzlicher Unpartheilichkeit auf der Buhne darzustellen! Und nicht blos alsKönigin, sondern auch als Weib wollte sie nie die Rechte der Poesie beeinträch-tigen; wie sie unserem Dichter in politischer Hinsicht die höchste Redefreiheitgewährte, so erlaubte sie ihm auch die kecksten Worte in geschlechtlicher Bezie-hung, sie nahm keinen Anstoß an den ausgelassenste» Witzen einer gesundenSinnlichkeit, und sie, tüe m-Ucken -zuoon, die königliche Jungfrau, verlangtesogar, daß Sir Jon Falstaff sich einmal als Liebhaber zeige. Ihrem lächeln-den Wink verdanken wir die lustigen Weiber von Windsor.
Shakespeare konnte seine englischen Geschichtsdramen nicht besser schlichen,als indem er am Ende von Heinrich VIII. die neugeborne Elisabeth, gleichsamdie bessere Zukunft in Windeln, über die Bühne tragen läßt.
Hat aber Shakespeare wirklich den Charakter Heinrichs VIII., des Vatersseiner Königin, ganz geschichtstrcu geschildert? Ja, obgleich er die Wahrheitnicht in so grellen Lauten wie in seinen übrigen Dramen verkündete, so hat ersie doch jedenfalls ausgesprochen, und der leisere Ton macht jeden Vorwurfdesto eindringlicher. Dieser Heinrich VIII. war der Schlimmste aller Könige,denn während alle andere böse Fürsten nur gegen ihre Feinde wllthctcn, rastejener gegen seine Freunde, und seine Liebe war immer weit gefährlicher als seinHaß. Die Ehestandsgeschichtcn dieses königlichen Blaubarts sind entsetzlich.In alle Schrecknisse derselben mischte er obendrein eine gewisse blödsinnig grau-enhafte Galanterie. Als er Anna Bolepn hinzurichten befahl, ließ er ihr vor-her sagen, daß er für sie den geschicktesten Scharfrichter von ganz England be-stellt habe. Die Königin dankte ihm gehorsamst für solche zarte Aufmerksam-