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5 (1855) Vermische Schriften : erste Abtheilung
Entstehung
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Lady Gra y.

(Heinrich VI.)

Sie war eine arme Wittwe, welche zitternd vor König Eduard trat und ihnanflehte, ihren Kindern das Gütchen zurückzugeben, das nach dem Tode ihresGemahls den Feinden anhcim gefallen war. Der wollüstige König, welcherihre Keuschheit nicht zu kirren vermag, wird so sehr von ihren schönen Thrä-ucn bezaubert, daß er ihr die Krone aufs Haupt seht. Wie viel Kümmernissefür beide dadurch entstanden, meldet die Weltgeschichte.

Hat Shakespeare wirklich den Charakter des erwähnten Königs ganz treunach der Historie geschildert? Ich muß wieder ans die Bemerkung zurück-kommen, daß er verstand, die Lakuncn der Historie zu füllen. Seine Königs-charaktcrc sind immer so wahr gezeichnet, daß man, wie ein englischer Schrift-steller bemerkt, manchmal meinen sollte, er sei während seines ganzen Lebensder Kanzler des Königs gewesen, den er in irgend einem Drama agircn läßt.Für die Wahrheit seiner Schilderungen bürgt, nach meinem Bedünkcn, auchdie frappante Aehnlichkeit, welche sich zwischen seinen alten Königen und jenenKönigen der Jetztzeit kund gicbt, die wir als Zeitgenossen am besten zu beur-theilen vermögen.

Was Friedrich Schlegel von dem Geschichtsschreiber sagt, gilt ganz eigent-lich von unserem Dichter: Er ist ein in die Vergangenheit schauender Prophet.Wäre es mir erlaubt, einem der berühmtesten unserer gekrönten Zeitgenossenden Spiegel vorzuhalten, so würde jeder einsehen, daß ihm Shakespeare schonvor zwei Jahrhunderten seinen Steckbrief ausgefertigt hat. I» der That,beim Anblick dieses großen, vortrefflichen und gewiß auch glorreichen Monar-chen überschlcicht uns ein gewisses Schaucrgefühl, das wir zuweilen empfinden,wenn wir im wachen Tageslichte einer Gestalt begegnen, die wir schon innächtlichen Träumen erblickt haben. Als wir ihn vor acht Jahren durch dieStraßen der Hauptstadt reiten sahen,baarhäuptig und dcmüthig nach allenSeiten grüßend," dachten wir immer an die Worte, womit Jork des Boling-brokc's Einzug in London schildert. Sein Vetter, der neuere Richard II.kannte ihn sehr gut, durchschaute ihn immer und äußerte einst ganz richtig:

Wir selbst und Bushy, Bagot hier und Green,

Sahn sein Bewerben beim geringen Volk,

Wie er sich wollt' in ihre Herzen tauchenMit traulicher, demüth'ger Höflichkeit;

Was für Verehrung er an Knechte wegwarf,

Handwerker mit des Lächelns Kunst gewinnend,

Und ruhigem Ertragen seines Looses,