Druckschrift 
5 (1855) Vermische Schriften : erste Abtheilung
Entstehung
Seite
303
Einzelbild herunterladen
 

303

So gräm' dich doch, mich zu belust'gen, Jork!

Wie? dörrte so das fcur'ge Herz dein Jnn'res,

Daß keine Thränc fällt um Rutlands Tov?

Warum geduldig, Mann? Du solltest rasen;

Ich höhne dich, um rasend dich zu machen.

Stampf', tob' und knirsch', damit ich sing' und tanze!

Hätte der Künstler, welcher die schöne Margaretha für diese Gallcrie zeich-nete, ihr Bildniß mit noch weiter geöffneten Lippen dargestellt, so würden wirbemerken, daß sie spitzige Zähne hat, wie ein Naubthier.

In einem folgenden Drama, in Richard III., erscheint sie auch Physischscheußlich, denn die Zeit hat ihr alsdann die spitzigen Zähne ausgebrochen, siekann nicht mehr beißen, sondern nur noch fluchen, und als ein gespenstisch altesWeib wandelt sie durch die Königsgemächcr, und das zahnlose böse Maulmurmelt Unhcilredcn und Verwünschungen.

Durch ihre Liebe für Suffolk, den wilden Suffolk, weiß uns Shakespearesogar für dieses Unwcib einige Rührung abzugewinnen. Wie verbrecherischauch diese Liebe ist, so dürfen wir derselben dennoch weder Wahrheit noch In-nigkeit absprechen. Wie entzückend schön ist das Abschiedsgcspräch der beidenLiebenden! Welche Zärtlichkeit in den Worten Margarethens:

Ach! rede nicht mit mir! gleich eile fort!

O, geh noch nicht! So herzen sich und küssenVerdammte Freund', und scheiden tausendmal.

Vor Trennung hundertmal so bang als Tod.

Doch nun fahr' wohl! fahr' wohl mit dir mein Leben!

Hieraus antwortet Suffolk:

Mich kümmert nicht das Land, wärst du von hinnen;

Volkreich genug ist eine Wüstenei,

Hat Suffolk deine himmlische Gesellschaft:

Denn wo du bist, da ist die Welt ja selbst.

Mit all' und jeden Freuden in der Welt;

Und wo du nicht bist, Ocde nur und Trauer.

Wenn späterhin Margaretha, das blutige Haupt des Geliebten in der Handtragend, ihre wildeste Verzweiflung ausjammert, mahnt sie uns an die furcht-bare Chrimhilde des Nibelungenlieds. Welche gepanzerte Schmerzen, woranalle Trostworte ohnmächtig abgleiten!

Ich habe bereits im Eingange angedeutet, daß ich in Beziehung auf Shake-spearc'S Dramen aus der englischen Geschichte mich aller historischen und phi-losophischen Betrachtungen enthalten werde. DaS Thema jener Dramen ist