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Obgleich in Titus Andronikus noch das äußere Gepränge des Hcidcnthnmswaltet, so offenbart sich doch in diesem Stück schon der Charakter der später»christlichen Zeit, und die moralische Verkehrtheit in allen sittlichen und bürger-lichen Dingen ist schon ganz byzantinisch. Dieses Stück gehört sicher zuShakespcare's frühesten Erzeugnissen, obgleich manche Kritiker ihm die Autor-schaft streitig machen; es herrscht darin eine llnbarmhcrzigkcit, eine schnei-dende Vorliebe für das Häßliche, ein titanisches Hadern mit den göttlichenMächten, wie wir dergleichen in den Erstlingswerken der größten Dichter zufinden Pflege». Der Held, im Gegensatz zu seiner ganzen demoralisirtenUmgebung, ist ein ächter Römer, ein Ueberblcibsel aus der alten starrenPeriode. Ob dergleichen Menschen damals noch existirtcn? Es ist möglich zdenn die Natur liebt es von allen Creaturen, deren Gattung untergeht odersich transformirt, noch irgend ein Exemplar aufzubewahren, und sei es auchals Versteinerung, wie wir dergleichen aus Bergeshöhcn zu finden pflegen.Titus Andronikus ist ein solcher versteinerter Römer, und seine fossile Tugendist eine wahre Kuriosität zur Zeit der spätesten Cäsaren.
Die Schändung und Verstümmelung seiner Tochter Lavinia gehört zu denentsetzlichsten Scencn, die sich bei irgend einem Autor finden. Die Geschichteder Philomclc in den Verwandlungen des Ovidins ist lange nicht so schauder-haft; denn der unglücklichen Römerin werden sogar die Hände abgehackt,damit sie nicht die Urheber des grausamsten Bubenstücks verrathcn könne.Wie der Vater durch seine starre Männlichkeit, so mahnt die Tochter durchihre hohe Weibcswürde an die sittlichere Vergangenheit; sie scheut nicht denTod, sondern die Entehrung, und rührend sind die keuschen Worte, womit sieihre Feindin, die Kaiserin Tamora, um Schonung anfleht, wenn die Söhnederselben ihren Leib beflecken wollen.
Nur schnellen Tod erfleh' ich! — und noch eins,Was Weiblichkeit zu nennen mir verweigert:
Entzieh' mich ihrer Wollust, schrecklicherAls Mord für mich, und wälze meine LeicheIn eine garst'ge Grube, wo kein AugeDes Mannes jemals meinen Körper sieht.
O, dies erfüll', und sei erbarmensvollAls Mörderin!
In dieser jungfräulichen Reinheit bildet Lavinia den vollendeten Gegensatzzu der erwähnten Kaiserin Tamora; hier, wie in den meisten seiner Dramen,stellt Shakespeare zwei ganz gcmiithsverschiedene weibliche Gestalten nebeneinander, und veranschaulicht uns ihren Charakter durch den Kontrast. Diesessahen wir schon im Antonius und Cleopatra, wo neben der weißen, kalten,