Druckschrift 
5 (1855) Vermische Schriften : erste Abtheilung
Entstehung
Seite
279
Einzelbild herunterladen
 

279

Helena.

(Troll US und Cressiba.)

Diese ist die schone Helena, deren Geschichte ich Euch nicht ganz erzählennnd erklären kann; ich müßte denn wirklich mit dem Ei der Lcda beginnen.

Ihr Titularvater hieß Tyndarus, aber ihr wirklich geheimer Erzeuger warein Gott, der in der Gestalt eines Vogels ihre gcbencdcietc Mutter befruchtethatte, wie dergleichen im Alterthum oft geschah. Früh vcrheirathet ward sienach Sparta; doch bei ihrer außerordentlichen Schönheit ist es leicht begreiflich,daß sie dort bald verführt wurde, und ihren Gemahl, den König Mencleus,zum Hahnerei machte.

Meine Damen, wer von Euch sich ganz rein fühlt, werfe den ersten Steinauf die arme Schwester. Ich will damit nicht sagen, daß es keine ganz treuenFrauen geben könne. War doch schon das erste Weib, die berühmte Eva, einMuster ehelicher Treue. Ohne den leisesten Ehebruchsgedanken, wandelte siean der Seite ihres Gemahls, des berühmten Adams, der damals der einzigeMann in der Welt war, und ein Schurzfell von Feigenblättern trug. Nurmit der Schlange konversirtc sie gern, aber blos wegen der schönen französischenSprache, die sie sich dadurch aneignete, wie sie denn überhaupt nach Bildungstrebte. O ihr Evastöchter, ein schönes Beispiel hat Euch Eure Stammmut-ter hinterlassen! . . .

Frau Vtnus, die unsterbliche Göttin aller Wonne, verschaffte dem PrinzenParis die Gunst der schönen Helena; er verletzte die heilige Sitte des Gast-rcchts, und entfloh mit seiner holden Beute nach Troja, der sichern Bnrg . . .was wir alle ebenfalls unter solchen Umständen gethan hätten. Wir alle, unddarunter verstehe ich ganz besonders uns Deutsche, die wir gelehrter sind alsandere Völker, und uns von Jugend auf mit den Gesängen des Homers be-schäftigen. Die schöne Helena ist unser frühester Liebing, und schon im Kna-benalter, wenn wir aus den Schulbänken sitzen, und der Magister uns dieschönen griechischen Verse crplicirt, wo die trojanischen Greise beim Anblick derHelena in Entzückung gcrathen ... dann pochen schon die süßesten Gefühle inunserer jungen unerfahrenen Brust . . . Mit erröthenden Wangen und un-sicherer Zunge antworten wir aufdie grammatischen Fragen des Magisters .. .Späterhin, wenn wir älter und ganz gelehrt, und sogar Hexenmeister gewor-den sind, und den Teufel selbst beschwören können, dann begehren wir von demdienenden Geiste, daß er uns die schöne Helena von Sparta verschaffe. Ichhabe es schon einmal gesagt, der Johannes FanstuS ist der wahre Repräsen-tant der Deutschen, des Volkes, das im Wissen seine Lust befriedigt, nicht imLeben. Obgleich dieser berühmte Doktor, der Normal-Deutsche, endlich nachSinuengcuuß lechzt und schmachtet, sucht er den Gegenstand der Befriedigung