— 277 —
schen Dichter der Griechen nach erhabenster Verklärung der Wirklichkeit stre-ben, und sich zur Idealität emporschwingen, dringt unser moderner Tragikermehr in die Tiefe der Dinge; er gräbt mit scharfgcwetzter Gcistesschaufel inden stillen Boden der Erscheinungen, und entblößt vor unseren Augen ihreverborgenen Wurzeln. Im Gegensatz zu den antiken Tragiker», die, wie dieantiken Bildhauer, nur nach Schönheit und Adel rangen, und auf Kosten desGehalteS die Form verherrlichten, richtete Shakespeare sein Augenmerk zunächstauf Wahrheit und Inhalt; daher seine Meisterschaft der Charakteristik, womiter nicht selten, an die verdrießlichste Karrikatur streifend, die Helden ihrer glän-zenden Harnische entkleidet und in dem lächerlichsten Schlafrock erscheinen läßt.Die Kritiker, welche Troilus und Crefsida nach den Prinzipien beurthcilten,die Aristoteles aus den besten griechischen Dramen abstrahirt hat, mußten da-her. in die größten Verlegenheiten, wo nicht gar in die pofsirlichsten Jrrthllmer,gcrathen. Als Tragödie war ihnen das Stück nicht ernsthaft und pathetischgenug; denn alles darin ging so natürlich von statten, fast wie bei uns; unddie Helden handelten eben so dumm, wo nicht gar gemein, wie bei uns; undder Hauptheld ist ein LapS und die Heldin eine gewohnliche Schürze, wie wirderen genug unter unseren nächsten Bekannten wahrnehmen . . . und gar diegefeiertsten Namenträgcr, Renomccn der heroischen Vorzeit, z. B. der großePclidc Achilles, der tapfere Sohn der Thctis, wie miserabel erscheinen sie hier!Auf der andern Seite konnte auch das Stück nicht für eine Komödie erklärtwerden; denn vollströmig floß darin das Blut, und erhaben genug klangendarin die längsten Reden der Weisheit, wie z. B. die Betrachtungen, welcheUlysses über die Nothwcndigkeit der Auctoritaö anstellt, und die bis auf heutigeStunde die größte Bcherzigung verdienten.
Nein, ein Stück, worin solche Reden gewechselt werden, das kann keineKomödie sein, sagten die Kritiker, und noch weniger durften sie annehmen, daßein armer Schelm, welcher, wie der Turnlehrer Maßmann, blutwenig Lateinund gar kein Griechisch verstand, so verwegen sein sollte, die berühmten klassi-schen Helden zu einem Lustspiele zu gebrauchen!
Nein, Troilus und Crcssida ist weder Lustspiel noch Trauerspiel im gewöhn-lichen Sinne; dieses Stück gehört nicht zu einer bestimmten Dichtungsart,und noch weniger kann man es mit den vorhandenen Maaßstaben messen: esist Shakcspcare's eigenthümlichstc Schöpfung. Wir können ihre hohe Vor-trefflichkcit nur im Allgemeinen anerkennen; zu einer besonderen Bcurtheilungbedürften wir jener neuen Aesthetik, die noch nicht geschrieben ist.
Wenn ich nun dieses Drama unter der Rubrik „Tragödien" einrcgistrire,so will ich dadurch von vorn herein zeigen, wie streng ich es mit solchen Ucbcr-schriften nehme. Mein alter Lehrer der Poetik, im Gymnasium zu Düssel-dorf, bemerkte einst sehr scharfsinnig: „Diejenigen Stücke, worin nicht der
Hetne. V. 24