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5 (1855) Vermische Schriften : erste Abtheilung
Entstehung
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Tragödien.

Cressida.

(Troilus und Cressida.)

Es ist die ehrenfeste Tochter des Priesters Calchas, welche ich hier dem ver-ehrungswürdigen Pudlico zuerst vorführe. Pandarus war ihr Oheim! einwackerer Kuppler; seine vermittelnde Thätigkcit wäre jedoch schier entbehrlichgewesen. Troilus, ein Sohn des vielzeugenden Priamus, war ihr ersterLiebhaber; sie erfüllte alle Formalitäten, sie schwur ihm ewige Treue, brachstemit gehörigem Anstand, und hielt einen seufzenden Monolog über die Schwächedes weiblichen Herzens, ehe sie sich dem Diomedes ergab. Der HorcherThersites, welcher ungalanter Weise immer den rechten Namen ausspricht,nennt sie eine Metze. Aber er wird wohl einst seine Ausdrücke mäßigen müs-sen; denn es kann sich wohl ereignen, daß die Schone, von einem Helden zumandern, und immer zum geringeren, hinabsinkend, endlich ihm selber als süßeBuhle anheimfällt.

Nicht ohne mancherlei Gründe habe ich an der Pforte dieser Gallerie dasBildniß der Cressida aufgestellt. Wahrlich nicht ihrer Tugend wegen, nichtweil sie ein Typus des gewöhnlichen Weibcrcharaktcrs, gestattete ich ihr denVorrang vor so manchen herrlichen Jdealgestalten Shakespeare'scher Schöpf-ung; nein, ich eröffnete die Reihe mit dem Bilde jener zweideutigen Dame,weil ich, wenn ich unseres Dichters sämmtliche Werkeherausgeben sollte, eben-falls das Stück, welches den Namen Troilus und Cressida führt, allen andernvoranstellen würde. Steevens, in seiner Prachtausgabe Shakespeare's, thutdasselbe, ich weiß nicht warum; doch zweifle ich, ob dieselben Gründe, die ichjetzt andeuten will, auch jenen englischen Herausgeber bestimmten.

Troilus und Cressida ist das einzige Drama von Shakespeare, worin er dienämlichen Heroen tragircn läßt, welche auch die grichischen Dichter zum Ge-genstand ihrer dramatischen Spiele wählten; so daß sich uns, durch Ver-gleichung mit der Art und Weise, wie die ältern Poeten dieselben Stoffe behan-delten, das Versahren Shakespeare's recht klar offenbart. Während dieklassi-

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