Druckschrift 
5 (1855) Vermische Schriften : erste Abtheilung
Entstehung
Seite
273
Einzelbild herunterladen
 

273

Liebe, womit talentvolle Schauspieler seine Dramen aufführten, und somitdem Urtheil des gesammtcn Publikums zugänglich machten. Lichtenberg, inseinen Briefen aus England, gicbt uns einige bedeutsame Nachrichten über dieMeisterschaft, womit, in der Mitte des vorigen Jahrhunderts, auf der Lon-doner Bühne die Shakespearc'schcn Charaktere dargestellt wurden. Ich sageCharaktere, nicht die Werke in ihrer Ganzheit; denn bis aus heutige Stundehaben die brittischcn Schauspieler im Shakespeare nur die Charakteristik be-griffen, keineswegs die Poesie, und noch weniger die Kunst. Solche Einsei-tigkeit der Auffassung findet sich aber jedenfalls in weit bornirterem Grade beiden Commentatorcn, die durch die bestäubte Brille der Gelehrsamkeit nimmer-mehr im Stande waren, das Allereinfachste, das Zunächstliegcnde, die Natur,in Shakespeare'S Dramen zu sehen. Garrik sah klarer den Shakespcare'schcnGedanken als vr. Johnson, der John Bull der Gelehrsamkeit, auf dessen Nasedie Konigin Mab gewiß die drolligsten Sprünge machte, während er über denSommcrnachtstraum schrieb; er wußte gewiß nicht, warum er bei Shakespearemehr Nasenkihel und Lust zum Niesen empfand als bei den übrigen Dich-tern, die er kritisirte.

Während vr, Johnsohn die Shakespeare'schen Charaktere als tobte Leichensezirtc, und dabei seine dicksten Dummheiten in ciceronianischem Englisch aus-kramte, und sich mit plumper Selbstgefälligkeit auf den Antithesen seineslateinischen Periodcnbaues schaukelte: stand Garrik aus der Bühne und er-schütterte das ganze Volk von England, indem er mit schauerlicher Beschwö-rung jene Tobten ins Leben rief, daß sie vor aller Augen ihre grauenhaften,blutigen oder lächerlichen Geschäfte verrichteten. Dieser Garrik aber liebteden großen Dichter, und, zum Lohne für solche Liebe, liegt er begraben inWcstmiuster, neben dem Piedestal der Shakespcare'schcn Statue, wie eintreuer Hund zu den Füßen seines Herrn.

Eine Uebersicdelung des Garrik'schcn Spiels nach Deutschland verdankenwir dem berühmten Schröder, welcher auch einige der besten Dramen Shake-speare'S für die deutsche Bühne zuerst bearbeitete. Wie Garrik, so hat auchSchröder weder die Poesie noch die Kunst begriffen, die sich in jenen Dramenoffenbart, sondern er that nur einen verständigen Blick in die Natur, die sichdarin zunächst ausspricht; und weniger suchte er die holdselige Harmonie unddie innere Vollendung eines Stücks, als vielmehr die einzelnen Charakteredarin mit der einseitigsten Naturtrcue zu rcproduziren. Zu diesem Urtheilberechtigen mich sowohl die Tradiziouen seines Spieles, wie sie sich bis heutigenTag auf der Hamburger Bühne erhielten als auch seine Bearbeitungen derShakespcare'schcn Stücke selbst, worin alle Poesie und Kunst verwischt ist,und nur durch Zusammenfassung der schärfsten Züge eine feste Zeichnung