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5 (1855) Vermische Schriften : erste Abtheilung
Entstehung
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Stellen, wo der ganze Genius von Shakespeare hervortritt, wo seine höchstenOffenbarungen laut werden, da streift er auch jene tradizionclle Theater-sprache von sich ab, und zeigt sich in einer erhaben schönen Nacktheit, in einerEinfachheit, die mit der ungeschminkten Natur wetteifert und uns mit densüßesten Schauern erfüllt. Ja, wo solche Stellen, da bekundet Shakespeareauch in der Sprache eine bestimmte Eigenthllmlichkcit, die aber der metrischeUebersctzcr, der mit gebundenen Wortfüßcn dem Gedanken nachhinkt, nim-mermehr getreu abspiegeln kann. Bei dem metrischen Uebcrsctzer verlierensich diese außerordentlichen Stellen in dem gewöhnlichen Gleise der Thcatcr-sprache, und auch Herr Schlegel kann diesem Schicksal nicht entgehen. Wozuaber die Mühe des metrischen Uebersetzens, wenn eben das Beste des Dichtersdadurch verloren geht, und nur das Tadelhafte wiedergegeben wird? EineUcbersctzung in Prosa, welche die pruuklose, schlichte, naturähnliche Keuschheitgewisser Stelle» leichter reproduzirt, verdient daher gewiß den Vorzug vor dermetrischen.

In unmittelbarer Nachfolge Schlcgel's hat sich Herr L. Tieck als Erläu-tcrc-r Shakespcarc'S einiges Verdienst erworben. Dieses geschah namentlichdurch seine dramaturgischen Blätter, welche vor vierzehn Jahren in derAbendzeitung erschienen sind, und unter Thcaterliebhabcrn und Schauspielerndas größte Aufsehen erregten. Es herrscht leider in jenen Blättern ein breit-beschaulicher, langwürdiger Bclehrungöton, dessen sich der liebenswürdigeTaugenichts, wie ihn Gutzkow nennt, mit einer gewissen geheimen Schalkheitbeflissen hat. Was ihm an Kenntniß der klassischen Sprachen, oder gar anPhilosophie, abging, ersetzte er durch Anstand und Spaßlosigkeit, und manglaubt Sir John auf dem Sessel zu sehen, wie er dem Prinzen eine Stand-rcde hält. Aber trotz der weitbauschigen, doktrinellen Gravität, worunter derkleine Ludwig seine philologische und philosophische Unwissenheit, seine Jgno-rantia, zu verbergen sucht, befinden sich in dm erwähnten Blättern die scharf-sinnigsten Bemerkungen über die Charaktere der Shakespcare'schen Helden,und hie und da begegnen wir sogar jener poetischen Anschauungsfähigkeit, diewir in den früheren Schriften des Herrn Tieck immer bewundert und mitFreude anerkannt haben.

Ach, dieser Tieck, welcher einst ein Dichter war, und, wo nicht zu den Höch-sten, doch wenigstens zu den Hochstrcbcnden gezählt wurde, wie ist er seitdemherunter gekommen! Wie kläglich ist das abgehaspelte Pensum, das er unsjetzt jährlich bietet, im Vergleiche mit den freien Erzeugnissen seiner Muse ausder frühem mondbeglänzten Mährchcnweltzeit! Eben so lieb wie er uns einstwar, eben so widerwärtig ist er uns jetzt, der ohnmächtige Neidhart, der diebegeisterten Schmerzen deutscher Jugend in seinen Klatschnovellcn verläumdct!Auf ihn passen so ziemlich die Worte Shakespearc's:Nichts schmeckt so ekel-