Druckschrift 
5 (1855) Vermische Schriften : erste Abtheilung
Entstehung
Seite
267
Einzelbild herunterladen
 

267

zubereitete Gott, in welchem die Göttlichkeit zwar sehr verdünnt, aber dochimmer existirt ach! laßt uns von dem Heldenthum dieses Helden nicht zuviel reden, auS Bescheidenheit und Scham!

Dieselbe Treue und Wahrheit, welche Shakespeare in Betreff der Geschichtebeurkundet, finden wir bei ihm in Betreff der Natur. Man pflegt zu sagen,daß er der Natur den Spiegel vorhalte. Dieser Ausdruck ist tadelhast, da erüber das Verhältuiß des Dichters zur Natur irre leitet. In dem Dichter-gciste spiegelt sich nicht die Natur; sondern ein Bild derselben, das dem gctreue-stcn Spiegelbilde ähnlich, ist dem Geiste des Dichters eingeboren; er bringtgleichsam die Welt mit zur Welt, und wenn er, aus dem träumenden Kindes-alter erwachend, zum Bewußtsein seiner selbst gelangt, ist ihm jeder Theil deräußern Erscheinungswelt gleich in seinem ganzen Zusammenhang begreifbar:denn er trägt ja ein Gleichbild des Ganzen in seinem Geiste, er kennt dieletzten Gründe aller Phänomene, die dem gewöhnlichen Geiste räthselhaftdünken, und aus dem Wege der gewöhnlichen Forschung nur mühsam, oderauch gar nicht, begriffen werden ... Und wie der Mathematiker, wenn manihm nur das kleinste Fragment eines Kreises gicbt, unverzüglich den ganzenKreis und den Mittelpunkt desselben angeben kann: so auch der Dichter, wennseiner Anschauung nur das kleinste Bruchstück der Erscheinungswelt vonaußen geboten wird, offenbart sich ihm gleich der ganze universelle Zusammen-hang dieses Bruchstücks; er kennt gleichsam Circnlatur und Centrum allerDinge; er begreift die Dinge in ihrem weitesten Umfang und tiefsten Mit-telpunkt.

Aber ein Bruchstück der Erscheinungswelt muß dem Dichter immer vonaußen geboten werden, ehe jener wunderbare Prozeß der Weltergänzüng inihm stattfinden kann; dieses Wahrnehmen eines Stücks der Erscheiuungs-weit geschieht durch die Sinne, und ist gleichsam das äußere Ercigniß, wovondir inucru Offenbarungen bedingt sind, denen wir die Kunstwerke des Dich-ters verdanken. Je größer diese letztern, desto neugieriger sind wir jene äuße-ren Ereignisse zu kennen, weiche dazu die erste Veranlassung gaben. Wirforschen gern nach Notizen über die wirklichen Lebcnsbeziehungen des Dich-ters. Diese Neugier ist um so thörichter, da, wie aus Obeugcsagtcm schonhervorgeht, die Größe der äußeren Ereignisse in keinem Verhältnisse steht zuder Größe der Schöpfungen, die dadurch hervorgerufen wurden. Jene Ereig-nisse können sehr klein und schcinlos sein, und sind es gewöhnlich, wie dasäußere Leben der Dichter überhaupt gewöhnlich sehr klein und schcinlos ist.Ich sage schcinlos und klein, denn ich will mich keiner betrübsameren Wortebedienen. Die Dichter präsentircn sich der Welt im Glänze ihrer Werke,und besonders wenn man sie aus der Ferne sieht, wird man von den Strahlengeblendet. O laßt uns nie in der Nähe ihren Wandel beobachten! Sie