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bcr doch immer sein Wort an die Gegenwart richtet, so schreibt er unwillkürlichim Geiste seiner eigenen Zeit, und dieser Zeitgeist wird in seinen Schriftensichtbar sein, wie sich in Briefen nicht bloS der Charakter des Schreibers, son-dern auch des Empfängers offenbart. Jene sogenannte Objektivität, die, mitihrer Leblosigkeit sich brüstend, auf der Schädclstätte der Thatsachen thront,ist schon deshalb als unwahr verwerflich, weil zur geschichtlichen Wahrheit nichtblos die genauen Angaben des Faktums, sondern auch gewisse Mittheilnngcnüber den Eindruck, den jenes Faktum auf seine Zeitgenossen hervorgebrachthat, nothwendig sind. Diese Mittheilnngen sind aber die schwierigste Auf-gabe; denn es gehört dazu nicht blos eine gewöhnliche Notizenkunde, sondernauch das Anschauungsvermögcn des Dichters, dem, wie Shakespeare sagt,„das Wesen und der Körper verschollener Zeiten" sichtbar geworden.
Und ihm waren sie sichtbar, nicht blos die Erscheinungen seiner eigenenLandcsgcschichte, sondern auch die, wovon die Annalen des AltcrthumS unsKunde hinterlassen haben, wie wir eS mit Erstaunen bemerken in den Dramen,wo er das untergegangene Römerthum mit den wahrsten Farben schildert.Wie den Nittergcstalten des Mittelalters, hat er auch den Helden der antikenWelt in die Nieren gesehen, und ihnen befohlen, das tiefste Wort ihrer Seeleauszusprechen. Und immer wußte er die Wahrheit zur Poesie zu erheben, undsogar die gemllthlvscn Römer, das harte nüchterne Volk der Prosa, dieseMischlinge von roher Naubsucht und seinem Advokatcnsinn, diese kasuistischeSoldatcske, wußte er poetisch zu verklären.
Aber auch in Beziehung auf seine römischen Dramen muß Shakespearewieder den Borwurf der Formlosigkeit anhören, und sogar ein höchst begabterSchriftsteller, Didrich Grabbe, nannte sie „poetisch verzierte Chroniken," woaller Mittelpunkt fehle, wo man nicht wisse, wer Hauptperson, wer Neben-person, und wo, wenn man auch aus Einheit des Orts und der Zeit verzichtet,doch nicht einmal Einheit des Interesse zu finden sei. Sonderbarer Jrrthumder schärfsten Kritiker! Nicht sowohl die letztgenannte Einheit, sondern auchdie Einheiten von Ort und Zeit mangeln keineswegs unserm großen Dichter.Nur sind bei ihm die Begriffe etwas ausgedehnter als bei uns: Der Schau-platz seiner Dramen ist dieser Erdball, und das ist seine Einheit des Ortes;die Ewigkeit ist die Periode, während welcher seine Stücke spielen, und dasist seine Einheit der Zeit; und beiden angcmäß ist der Held seiner Dramen,der dort als Mittelpunkt strahlt, und die Einheit des Interesse repräscntirt...Die Menschheit ist jener Held, jener Held, welcher beständig stirbt und bestän-dig aufersteht — beständig liebt, beständig haßt, doch noch mehr liebt alshaßt — sich heute wie ein Wurm krümmt, morgen als ein Adler zur Sonnefliegt — heute eine Narrenkappe, morgen einen Lorbeer verdient, noch öfterbeides zu gleicher Zeit —der große Zwerg, der kleine Niese, der homöopathisch