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5 (1855) Vermische Schriften : erste Abtheilung
Entstehung
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Ich kenne einen guten Hamburger Christen, der sich nie darüber zufriedengeben konnte, daß unser Herr und Heiland von Geburt ein Jude war. Eintiefer Unmuth ergriff ihn jedesmal, wenn er sich eingestehen mußte, daß derMann, der, ein Muster der Vollkommenheit, die höchste Verehrung verdient,dennoch zur Sippschaft jener ungeschnäuztcn Langnasen gehörte, die er ausdcrStraße als Trödler hcrumhausircn sieht, die er so gründlich verachtet, und dieihm noch fataler sind, wenn sie gar, wie er selber, sich dem Großhandel mitGewürzen und Farbestoffen zuwenden, und seine eigenen Interessen beeinträch-tigen.

Wie es diesem vortrefflichen Sohne Hammonias mit Jesus Christus geht,so geht es mir mit William Shakespeare. Es wird mir flau zu Muthe, wennich bedenke, daß er am Ende doch ein Engländer ist, und dem widerwärtigstenVolke angehört, das Gott in seinem Zorne erschaffen hat.

Welch ein widerwärtiges Volk, welch ein unerquickliches Land! Wie steif-leinen, wie hausbacken, wie selbstsüchtig, wie eng, wie englisch! Ein Land,welches längst der Ocean verschluckt hätte, wenn er nicht befürchtete, daß es ihmUebelkciten im Magen verursachen möchte . . . Ein Volk, ein graues, gäh-nendes Ungeheuer, dessen Athcm nichts als Stickluft und tödtliche Langeweile,und das sich gewiß mit einem kolossalen Schissstau am Ende selbst aufhängt...

Und in einem solchen Lande, und unter einem solchen Volke, hat WilliamShakespeare im April 1564 das Licht der Welt erblickt.

Aber das England jener Tage, wo in dem nordischen Bethlehem, welchesLtaSort uxou ^vou geheißen, der Mann geboren ward, dem wir das welt-liche Evangelium, wie man die Shakespeare'schen Dramen nennen möchte, ver-danken, das England jener Tage war gewiß von dem heutigen sehr verschieden;auch nannte man es meri-z^ kZuglauä, und es blühctc in Farbcnglanz, Mas-kcnschcrz, tiefsinniger Narrethei, sprudlender Thatenlust, überschwenglicher Lei-denschaft . . . Das Leben war dort noch ein buntes Turnier, wo freilich dieedelbürtigcn Ritter im Schimpf und Ernst die Hauptrolle spielten, aber derhelle Tromvctcnton auch die bürgerlichen Herzen erschütterte. . . Und stattdes dicken Biers trank manden leichtsinnigen Wein, das demokratische Getränk,welches im Rausche die Menschen gleich macht, die sich eben noch auf den nüch-ternen Schauplätzen der Wirklichkeit nach Rang und Geburt unterschieden ..,

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