All diese farbenreiche Lust ist seitdem erblichen, verschollen sind die freudigenTrompetenklänge, erloschen ist der schöne Rausch . . . Und das Buch, wel-ches dramatische Werke von William Shakespeare heißt, ist als Trost fürschlechte Zeiten, und als Beweis, daß jenes morr/ Dnglauck wirklich existirthabe, in den Händen des Volkes zurückgeblieben.
Es ist ein Gluck, daß Shakespeare eben noch zurrechten Zeit kam, daß erein Zeitgenosse Elisabeths und Jakobs war, als freilich der Protestantismussich bereits in der ungezügelten Denkfreihcit, aber keineswegs in der Lebensartund Gefühlsweise äußerte, und das Königthum, beleuchtet von den lebtenStrahlen des untergehenden RitterwcsenS, noch in aller Glorie der Poesieblühte und glänzte. Ja, der Volksglaube des Mittelalters, der Katholicismus,war erst in der Theorie zerstört; aber er lebte noch mit seinem vollen Zauberim Gemüthe der Menschen, und erhielt sich noch in ihren Sitten, Gebräuchenund Anschauungen. Erst später, Blume nach Blume, gelang es den Puri-tanern, die Religion der Vergangenheit gründlich zu entwurzeln, und über dasganze Land, wie eine graue Nebeldecke, jenen öden Trübsinn auszubreiten, derseitdem, entgeistet und entkräftet, zu einem lauwarmen, greinenden, dünn-schläfrigen Pietismus sich verwässerte. Wie die Religion, so hatte auch dasKönigthum in England zu Shakcspeare's Zeit noch nicht jene matte Umwand-lung erlitten, die sich dort heutigen Tags unter dem Namclt konstitutionellerRcgierungsform, wenn auch zum Besten der europäischen Freiheit, doch keines-wegs zum Heile der Kunst geltend macht. Mit dem Blute Karls des Ersten,des großen, wahren, letzten Königs, floß auch alle Poesie aus den Adern Eng-lands; und dreimal glücklich war der Dichter, der dieses kummervolle Ereig-niß, das er vielleicht im Geiste ahncte, nimmermehr als Zeitgenosse erlebt hat.Shakespeare ward in unsren Tagen sehr oft ein Aristokrat genannt. Ichmöchte dieser Anklage keineswegs widersprechen, und seine politischen Neigun-gen vielmehr entschuldigen, wenn ich bedenke, daß sein Zukunft-schauendesDichterauge, aus bedeutenden Wahrzeichen, schon jene nivellirende Puritancr-zcit voraussah, die mit dem Königthum, so auch aller Lebenslust, aller Poesieund aller heitern Kunst ein Ende machen würde.
Ja, während der Herrschaft der Puritaner ward die Kunst in England ge-achtet; namentlich wllthete der evangelische Eifer gegen das Theater, und sogarder Name Shakespeare erlosch für lange Jahre im Andenken des Volks. Eserregt Erstaunen, wenn man jetzt in den Flugschriften damaliger Zeit, z. B.in dem Histrio ZVlastlx des famosen Prpnn, die Ausbrüche des Zornes liest,womit über die arme Schauspielkunst das Anathema ausgckrächtzt wurde.Sollen wir den Puritanern ob solchem Zelotismus allzu ernsthaft zürnen?Wahrlich nein; in der Geschichte hat jeder Recht, der seinem inwohnendenPrinzipe getreu bleibt, und die dllstern Stutzköpfe folgten nur den Kousequen-