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Cousin sucht das Volk in ähnlicher Weise z» erklären, und man erzählt: daßeinst die deutschen Regierungen unseren großen Eklektiker für einen Freiheits-heldcn angesehen und festgesetzt haben, daß er im Gefängnisse kein anderesBuch außer Kants Critik der reinen Vernunft zu lesen bekommen, daß er auslanger Weile beständig darin studirt, und daß er dadurch jene Virtuosität inder deutschen Philosophie erlangte, die ihm späterhin, in Paris, so viele Ap-plaudissemcnts erwarb, als er die schwierigsten Passagen derselben öffentlichvortrug.
Dieses ist eine sehr schöne Volkssage, mährchenhaft, abentheuerlich, wie dievon Orpheus, von Bileam, dem Sohne Boers, von Quaser dem Weise»,von Buddah, und jedes Jahrhundert wird daran modeln, bis endlich derName Cousin eine symbolische Bedeutung gewinnt, und die Mythologcn inHerrn Cousin nicht mehr ein wirkliches Individuum sehen, sondern nur diePcrsonifikazion des Märtyrers der Freiheit, der, im Kerker sitzend, Trost suchtin der Weisheit, in der Critik der reinen Vernunft; ein künftiger Ballanchesieht vielleicht in ihm eine Allegorie seiner Zeit selbst, einer Zeit, wo die Critikund die reine Vernunft und die Weisheit gewöhnlich im Kerker saß.
Was nun wirklich diese Gefangcnschaftsgeschichtc des Herrn Cousin betrifft,so ist sie keineswegs ganz allegorischen Ursprungs. Er hat, in der That, einigeZeit der Demagogie verdächtig, in einem deutschen Gefängnisse zugebracht,eben so gut wie Lafayette und Richard LLwcnherz. Daß aber Herr Cousindort, in seinen Mußestunden, Kants Critik der reinen Vernunft studirt habe,ist, aus drei Gründen, zu bezweifeln. Erstens: dieses Buch ist auf deutschgeschrieben. Zweitens: man muß deutsch verstehen, um dieses Buch lesenzu können. Und drittens: Herr Cousin versteht kein deutsch.
Ich will dieses, bei Leibe! nicht in tadelnder Absicht gesagt haben. DieGröße des Herrn Cousin tritt um so greller ins Licht, wenn man sieht, daßer die deutsche Philosophie erlernt hat, ohne die Sprache zu verstehen, worinsie gelehrt wird. Dieser Genius, wie überragt er dadurch uns gewöhnlicheMenschen, die wir nur mit großer Mühe diese Philosophie verstehen, obgleichwir mit der deutschen Sprache von kindauf ganz vertraut sind! Das Weseneines solchen Genius wird uns immer unerklärlich bleiben; das sind jeneintuitive Naturen, denen Kant das spontaneische Begreifen der Dinge inihrer Totalität zuschreibt, im Gegensatz zu uns gewöhnlichen analytischen Na-turen, die wir erst durch ein Nacheinander und durch Combinazion der Ein-zeltheile, die Dinge zu begreisen wissen. Kant scheint geahnt zu haben, daßeinst ein solcher Mann erscheinen werde, der sogar seine Critik der reinenVernunft, durch bloße intuitive Anschauung, verstehen wird, ohne diskursivanalytisch deutsch gelernt zu haben. Vielleicht aber sind die Franzosen über-haupt glücklicher organisirt wie wir Deutschen, und ich habe bemerkt, daß man