tung. Kaiser Otto legte ihm ein weißes Gewand au, beschnitt ihm die Nägel,und ließ alles Mangelhafte ausbessern. Von den Gliedern war nichts ver-fault, außer von der Nasenspitze fehlte etwas; Otto ließ sie von Gold wiederherstellen. Zuletzt nahm er aus Karls Munde einen Zahn, ließ das Gewölbewieder zumauern und ging von dannen.—Nachts darauf soll ihm im TraumeKarl erschienen sein, und verkündigt haben: daß Otto nicht alt werden, undkeinen Erben hinterlassen werde."
Solchen Bericht geben uns die „deutschen Sagen." Es ist dies aber nichtdas einzige Beispiel der Art. So hat auch Euer König Franz das Grab desberühmten Roland öffnen lassen, um selber zu sehen, ob dieser Held von soriesenhafter Gestalt gewesen, wie die Dichter rühmen. Dieses geschah kurzvor der Schlacht von Pavia. Sebastian von Portugal ließ die Grüfte seinerVorfahren öffnen und betrachtete die todten Könige, ehe er nach Afrika zog.
Sonderbar schauerliche Neugier, die oft die Menschen antreibt, in die Grä-ber der Vergangenheit hinabzuschaucn! Es geschieht dieses zu außerordent-lichen Perioden, nach Abschluß einer Zeit, oder kurz vor einer Katastrophe.In unseren neueren Tagen haben wir eine ähnliche Erscheinung erlebt; es warein großer Souverän«, das französische Volk, welcher plötzlich die Lust empfand,das Grab der Vergangenheit zu öffnen und die längst verschütteten, verscholle-nen Zeiten bei Tageslicht zu betrachten. Es fehlte nicht an gelehrten Todten-gräbcrn, dic, mit Spaten und Brecheisen, schnell bei der Hand waren, um denSchutt aufzuwühlen und die Grüfte zu erbrechen. Ein starker Duft ließ sichverspüren, der, als gothisches Haut-gout, diejenigen Nasen, die für Rosenölblasirt sind, sehr angenehm kitzelte. Die französischen Schriftsteller knieten ehr-erbietig nieder vor dem aufgedeckten Mittelalter. Der Eine legte ihin einneues Gewand an, der Andere schnitt ihm die Nägel; ein Dritter setzte ihmeine neue Nase an; zuletzt kamen gar einige Poetei«, die dem Mittelalter dieZähne ausrissen, alles wie Kaiser Otto.
Ob der Geist des Mittelalters diesen Zahnausreißcrn im Traume erschie-nen ist und ihrer ganzen romantischen Herrschaft ein frühes Ende prophezeithat, das weiß ich nicht. Ueberhaupt, ich erwähne diese Erscheinung der fran-zösischen Literatur nur aus dem Grunde, um bestimmt zu erklären, daß ichweder direkt noch indirekt eine Befehdung derselben im Sinne habe, wenn ichin diesem Buche eine ähnliche Erscheinung, dic in Deutschland statt fand, mitetwas scharfen Worten besprochen. Die Schriftsteller, die in Deutschland dasMittelalter aus seinem Grabe hervorzogen, hatten andere Zwecke, wie manaus diesen Blättern ersehen wird, und die Wirkung, die sie auf die großeMenge ausüben konnten, gefährdete die Freiheit und das Glück meines Vater-landes. Die französischen Schriftsteller hatten nnr artistische Interessen unddas französische Publikum suchte nur seine plötzlich erwachte Neugier zu besrie-