Druckschrift 
5 (1855) Vermische Schriften : erste Abtheilung
Entstehung
Seite
236
Einzelbild herunterladen
 

236

etwa nur durch mindere Sicherheit in der Form von ihm unterscheidet. Inder That, welch ein vortrefflicher Dichter ist der Freiherr von Eichendorf; dieLieder, die er seinem RomanAhnung und Gegenwart" eingewebt hat, lassensich von den Uhlandschen gar nicht unterscheiden, und zwar von den besten der-selben. Der Unterschied besteht vielleicht nur in der grüneren Waldesfrischeund der kristallhafteren Wahrheit der Eichendorfschen Gedichte. Herr JustinusKeiner, der fast gar nicht bekannt ist, verdient hier ebenfalls eine preisende Er-wähnung; auch er dichtete in derselben Tonart und Weise die wackersten Lie-der; er ist ein Landsmann des Herrn Uhland. Dasselbe ist dex, Fall bei HerrnGustav Schwab, einem berühmteren Dichter, der ebenfalls aus den schwäbischenGauen hervorgeblüht, und uns noch jährlich mit hübschen und duftenden Lie-dern erquickt. Besonderes Talent besitzt er für die Ballade und er hat die hei-mischen Sagen in dieser Form aufs erfrcusamste besungen. Wilhelm Müller,den uns der Tod in seiner heitersten Jugcndfülle entrissen, muß hier ebenfallserwähnt werden. In der Nachbildung des deutschen Volkslieds klingt er ganzzusammen mit Herrn Uhland; mich will es sogar bedllnkcn, als sei er in sol-chem Gebiete manchmal glücklicher und übertreffe ihn an Natürlichkeit. Ererkannte tiefer den Geist der alten Liedesformen, und brauchte sie daher nichtäußerlich nachzuahmen; wir finden daher bei ihm ein freieres Handhaben derUebergänge und ein verständiges Vermeiden aller veralteten Wendungen undAusdrücke. Den verstorbenen Wetzel, der jetzt vergessen und verschollen ist,muß ich ebenfalls hier in Erinnerung bringen; auch er ist ein Wahlverwandterunseres vortrefflichen Uhlands, und in einigen Liedern, die ich von ihm kenne,übertrifft er ihn an Süße und hinschmelzcnder Innigkeit. Diese Lieder, halbBlume, halb Schmetterling, verdufteten und verflattcrten in einem der ältcrnJahrgänge von Brockhaus Urania. Daß Herr Clemens Brentano seine mei-sten Lieder in derselben Tonart und Gefühlswcise, wie Herr Uhland, gedichtethat, versteht sich von selbst; sie schöpften beide aus derselben Quelle, demVolksgesange, und bieten uns denselben Trank; nur die Trinkschale, die Form,ist bei Herrn Uhland geründeter. Von Adalbert von Chamisso darf ich hiereigentlich nicht reden; obgleich Zeitgenosse der romantischen Schule, an derenBewegungen er Theil nahm, hat doch das Herz dieses Mannes sich in der letz-ten Zeit so wunderbar verjüngt, daß er in ganz neue Tonarten überging, sichals einen der eigenthllmlichsten und bedeutendsten modernen Dichter geltendmachte, und weit mehr dem jungen als dem alten Deutschland angehört. Aberin den Liedern seiner früheren Periode weht derselbe Odem, der uns auch ausden Uhlandschen Gedichten entgegenströmt; derselbe Klang, dieselbe Farbe,derselbe Duft, dieselbe Wehmuth, dieselbe Thräuc .... Chamissos Thräncusind vielleicht rührender, weil sie, gleich einem Quell, der aus einem Felsenspringt, aus einem weit stärkeren Herzen hervorbrechen.