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5 (1855) Vermische Schriften : erste Abtheilung
Entstehung
Seite
233
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uns abwendet, wenn sie durchaus auf einen Ball gehen will, wohin keinordentlicher Mensch sie begleiten kann, und wenn sie dann ganz aberwitzigbunt geputzt und trotzig frisirt, dem ersten besten Lump den Arm reicht unduns den Rücken kehrt....

Ade, du Schäfer mein!

Vielleicht erging es Herrn Uhland selber nicht besser als uns. Auch seineStimmung muß sich seitdem etwas verändert haben. Mit geringen Aus-nahmen hat er seit zwanzig Jahren keine neue Gedichte zu Markte gebracht.Ich glaube nicht, daß dieses schöne Dichtergcmiith so kärglich von der Naturbegabt gewesen und nur einen einzigen Frühling in sich trug. Nein, icherkläre mir das Verstummen UhlandS vielmehr aus dem Widerspruch, worindie Neigungen seiner Muse mit den Ansprüchen seiner politischen Stellunggcrathen sind. Der elegische Dichter, der die katholisch feudalistische Ver-gangenheit in so schönen Bailaden und Romanzen zu besingen wußte, derOssian des Mittelalters, wurde seitdem in der wllrtembcrgischcn Ständever-sammlung, ein eifriger Vertreter der Volksrechte, ein kühner Sprecher fürBürgergleichhcit und Geistesfrcihcit. Daß diese demokratische und protestan-tische Gesinnung bei ihm acht und lauter ist, bewies Herr Uhland durch diegroßen persönlichen Opfer, die er ihr brachte; hatte er einst den Dichtcrlorbecrerrungen, so erwarb er jetzt auch den Eichcnkranz der Bllrgcrtugcnd. Abereben weil er es mit der neuen Zeit so ehrlich meinte, konnte er das alte Liedvon der alten Zeit nicht mehr mit der vorigen Begeisterung weiter singen;und da sein Pegasus nur ein Ritterroß war, das gern in die Vergangenheitzurücktrabte, aber gleich stätig wurde wenn es vorwärts sollte in das moderneLebe», da ist der wackere Uhland lächelnd abgestiegen, ließ ruhig absatteln undden unfügsamen Gaul nach dem Stall bringen. Dort befindet er sich nochbis auf heutigen Tag, und wie sein College das Roß Bapard hat er allemöglichen Tugenden und nur einen einzigen Fehler: er ist todt.

Schärferen Blicken als den mcinigcn will es nicht entgangen sein, daß dashohe Rittcrroß mit seinen bunten Wappcndcckcn und stolzen Fcdcrbüschcn, nierecht gepaßt habe zu seinem bürgerlichen Reuter, der an den Füßen, stattStiefeln mit goldenen Sporen, nur Schuh mit seidenen Strümpfen, und aufdem Haupte, statt eines Helms, nur einen tübinger Doktorhut getragen hat.Sie wollen entdeckt haben: daß Herr Ludwig Uhland niemals mit seinemThema ganz übereinstimmen konnte; daß er die naiven, grauenhaft kräftigenTöne des Mittelalters nicht eigentlich in idealisirter Wahrheit wicdergiebt,sondern sie vielmehr in eine kränklich sentimentale Melancholie auflöst; daßer die starken Klänge der Heldensage und des Volkslieds in seinem Gemüthegleichsam weich gekocht habe, um sie genießbar zu machen für das moderne