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„Ein Geisterlaut herunter scholl,
Abc, du Schäfer mein!"
Ich ließ mich «der nicht stören von solchen Neckereien der Wasserfrauen,selbst wenn sie bei den schönsten Stellen in Uhlands Gedichten ironisch kicher-ten. Ich bezog solches Gekicher damals bescheidentlich aus mich selbst, na-mentlich gegen Abend, wenn die Dunkelheit heranbrach, und ich mit etwaserhobener Stimme deklamirte, um dadurch die gcheimnißvollcn Schauer zuüberwinden, die mir die alten Schloßtrummer einflößten. Es ging nämlichdie Sage, daß dort des Nachts eine Dame ohne Kopf umherwandle. Ichglaubte manchmal ihre lange scidne Schleppe vorbei rauschen zu hören, undmein Herz pochte..... das war die Zeit und der Ort, wo ich für die „Ge-dichte von Ludwig Uhland" begeistert war.
Dasselbe Buch habe ich wieder in Händen, aber zwanzig Jahre sind seitdemverflossen, ich habe unterdessen viel gehört und gesehen, gar viel, ich glaubenicht mehr an Menschen ohne Kopf, und der alte Spuk wirkt nicht mehr ausmein Gemüth. Das Haus, worin ich eben sitze und lese, liegt auf demBoulevard Mont-Martre; und dort branden die wildesten Wogen des Tages,dort kreischen die lautesten Stimmen der modernen Zeit; das lacht, das grollt,das trommelt; im Sturmschritt schreitet vorüber die Nazionalgardc; undjeder spricht französisch. — Ist das nun der Ort, wo man UhlandS Gedichtelesen kann? Dreimal habe ich den Schluß des obenerwähnten Gedichtes mirwieder vordeklamirt, aber ich empfinde nicht mehr das unnennbare Weh, dasmich einst ergriff, wenn das Königstöchtcrlein stirbt und der schöne Schäfer soklagevoll zu ihr hinaufricf; Willkommen, Königstöchtcrlein!
„Ein Geisterlaut hcrunterscholl,
Ade! du Schäfer mein!"
Vielleicht auch bin ich für solche Gedichte etwas kühl geworden, seitdem ichdie Erfahrung gemacht, daß es eine weit schmerzlichere Liebe giebt, als diewelche den Besitz des geliebten Gegenstandes niemals erlangt, oder ihn durchden Tod verliert. In der That, schmerzlicher ist es, wenn der geliebte Gegen-stand Tag und Nacht in unseren Armen liegt, aber durch beständigen Wider-spruch und blödsinnige Capricen uns Tag und Nacht verleidet, dergestalt, daßwir das, was unser Herz am meisten liebt, von unserem Herzen fortstoßen,und wir selber das verflucht geliebte Weib nach dem Postwagen bringen undfortschicken müssen!
Ade, du Königstöchterlein!
Ja, schmerzlicher als der Verlust durch den Tod ist der Verlust durch dasLeben, z. B. wenn die Geliebte, aus wahnsinniger Leichtfertigkeit, sich von