Druckschrift 
5 (1855) Vermische Schriften : erste Abtheilung
Entstehung
Seite
217
Einzelbild herunterladen
 

217

sie sind nothwcndig, sondern sie hangen zusammen mit den Kreisläufen vonSonne, Mond und Sterne und sie entstehen vielleicht durch deren Influenzauf die Erde. Die Fakta sind nur die Resultate der Ideen; . . . aber wiekommt es, daß zu gewissen Zeiten sich gewisse Ideen so gewaltig geltendmachen, daß sie ras ganze Leben der Menschen, ihr Tichtcn und Trachten, ihrDenken und Schreiben, aufs wunderbarste umgestalten? Es ist vielleicht auder Zeit eine literarische Astrologie zu schreiben und die Erscheinung gewisserIdeen, oder gewisser Bücher worin diese sich offenbaren, aus der Toustellaziouder Gestirne zu erklären.

Oddr entspricht das Aufkommen gewisser Ideen nur momentanen Bedürf-nissen der Menschen ? Suchen sie immer die Ideen, womit sie ihre jedes-maligen Wünsche legitimircu können? In der That, die Menschen sindihrem innersten Wesen nach lauter Doktrinäre; sie wissen immer eine Doktrinzu finden, die alle ihre Entsagungen oder Begehrnisse justifizirt. In bösenmageren Tagen, wo die Freude ziemlich unerreichbar geworden, huldigen siedem Dogma der Abstinenz und behaupten die irdischen Trauben seien sauer;werden jedoch die Zeiten wohlhabender, wird es den Leuten möglich emporzu-langen nach den schönen Früchten dieser Welt, dann tritt auch eine heitereDoktrin ans Licht, die dem Leben alle seine Süßigkeiten und sein volles, un-veräußerliches Genußrccht vindizirt.

Nahen wir dem Ende der christlichen Fastenzeit und bricht das rosige Welt-alter der Freude schon leuchtend heran? Wie wird die heitere Doktrin dieZukunft gestalten?

In der Brust der Schriftsteller eines Volkes liegt schon das Abbild vondessen Zukunft, und ein Kritiker, der mit hinlänglich scharfem Messer einenneueren Dichter sczirte, könnte, wie ans den Eingeweide» eines Opferthieres,sehr leicht prophezeien, wie sich Deutschland in der Folge gestalten wird. Ichwürde herzlich gern, als ein literarischer Calchas, in dieser Absicht einige un-serer jüngsten Poeten kritisch abschlachten, mußte ich nicht befürchten in ihrenEingewcidcn viele Dinge zu sehen, über die ich mich hier nicht aussprechendarf. Man kann nämlich unsere neueste deutsche Literatur nicht besprechen,ohne ins tiefste Gebiet der Politik zu gcrathen. In Frankreich, wo sich diebelletristischen Schriftsteller von der politischen Zeitbcwegung zu entfernensuchen, sogar mehr als löblich, da mag man jetzt die Schöngeister des TageSbcurtheilen und den Tag selbst nnbcsprochen lassen können. Aber jenseitsdes Rheines werfen sich jetzt die belletristischen Schriftsteller mit Eifer in dieTagesbcwcgnng, wovon sie sich so lange entfernt gehalten. Ihr Franzosenseid während fnnszig Jahren beständig auf den Beinen gewesen und seid jetztmüde; wir Deutsche hingegen haben bis jetzt am Stndiertische gesessen, und

Heine. V. 19