Druckschrift 
5 (1855) Vermische Schriften : erste Abtheilung
Entstehung
Seite
211
Einzelbild herunterladen
 

211

Haftes Geschöpf, und nun erst ein todtcr Deutscher! Ein Franzose hat garkeine Idee davon, wie ernsthaft wir erst im Tode sind; da sind unsere Gesich-ter noch viel länger, und die Muriner, die uns speisen, werden melancholisch,wenn sie uns dabei ansehen. Die Franzosen wähnen Wunder, wie schrecklichernsthast der Hoffmann sein könne; aber das ist Kinderspiel in Vergleichungmit Arnim. Wenn Hoffmann seine Todtcn beschwört und sie aus den Grä-bern hcroorstcigen und ihn umtanzen: dann zittert er selber vor Entsetzen, undtanzt selber in ihrer Mitte, .und schneidet dabei die tollsten Affcngrimasscn.Wenn aber Arnim seine Todtcn beschwört, so ist es, als ob ein General Heer-schau halte, und er sitzt so ruhig auf seinem hohen Geisterschimmel, und läßtdie entsetzlichen Schaaren vor sich vorbcidefilircn, und sie sehen ängstlich nachihm hinauf und scheinen sich vor ihm zu fürchten. Er nickt ihnen aber freund-lich zu.

Ludwig Achim von Arnim ward geboren 1781, in der Mark Brandenburg,und starb den Winter 1830. Er schrieb dramatische Gedichte, Nomaue undNovellen. Seine Dramen sind voll intimer Poesie, namentlich ein Stückdarunter betiteltder Auerhahn." Die erste Scene wäre selbst des aller-größten Dichters nicht unwürdig. Wie wahr, wie treu ist die bctrübteste Lan-geweile da geschildert! Der eine von den drei natürlichen Söhnen des ver-storbene» Landgrafen sitzt allein, in dem verwaiste» weiten Burgsaal, undspricht gähnend mit sich selber, und klagt, daß ihm die Beine unter dem Tischeimmer länger wüchsen, und daß ihm der Morgenwind so kalt durch die Zähnepfiffe. Sein Bruder, der gute Franz, kommt nun langsam hereingcschlappt,in den Kleidern des seligen Vaters, die ihm viel zu weit am Leibe hängen, undwehmllthig gedenkt er, wie er sonst um diese Stunde dem Vater beim Anziehenhalf, wie dieser ihm oft eine Brodkruste zuwarf, die er mit seinen alten Zäh-nen nicht mehr beißen konnte, wie er ihm auch manchmal verdrießlich einenTritt gab; diese letztere Erinnerung rührt den guten Franz bis zu Thräncn,und er beklagt, daß nun der Vater todt sei und ihm keinen Tritt mehr gebenkönne.

Arnims Romane heißendie Kronwächtcr" und dieGräsin Dolores."Auch ersterer hat einen vortrefflichen Anfang. Der Schauplatz ist oben imWartthurmc von Waiblingen, in dem traulichen Stllbchcn des Thürmcrs undseiner wackeren dicken Frau, die aber doch nicht so dick ist, wie mau unten inder Stadt behauptet. In der That, es ist Vcrläumdung, wenn man ihr nach-sagte, sie sei oben in der Thurmwohnung so korpulent geworden, daß sie dieenge Thurmtrcppe nicht mehr herabsteigen könne, und nach dem Tode ihresersten Ehegatten, des alte» Thürmcrs, gcnothigt gewesen sei, den neuen Thllr-mer zu hcirathcu. lieber solche böse Nachrede grämte sich die arme Frau dro-