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5 (1855) Vermische Schriften : erste Abtheilung
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vor Schlafcngchn desto mehr Branntcwcin. Das ist auch viel einfacher;denn den Branntwein haben die Leute immer selbst im Hause, die Hoffmann-schen Romane hingegen mußten sie vier Stunden weit aus der DcncrlichschenLescbibliothek zu Göttingen holen lassen. Der Postillon Pieper war ein klei-ner Kerl, der dabei so sauer aussah, als habe er Essig gesoffen und sei davonganz zusammengezogen. Als ich diesen Menschen nach der Schwester derFrau Posthalterin befragte, antwortete er: Mademoisclle Sophia wird baldsterben und ist schon seht ein Engel. Wie vortrefflich mußte ein Wesen sein,wovon sogar der saure Pieper sagte: sie sei ein Engel! Und er sagte dieses,während er, mit seinem hochbcsticfelten Fuße, das schnatternde und flatterndeFedervieh fortscheuchte. Das Posthaus, einst lachend weiß, hatte sich eben sowie seine Wirthin verändert, es war krankhaft vergilbt, und die Mauern hat-ten tiefe Runzeln bekommen. Im Hofraum lagen zerschlagene Wage», undneben dem Misthaufen, an einer Stange, hing, zum Trocknen, ein durchnäß-ter, scharlachrothcr Postillionsmantcl. Mademoisclle Sophia stand oben amFenster und las, und, als ich zu ihr hinaufkam, fand ich wieder in ihren Hän-den ein Buch, dessen Einband von rothem Maroquin mit Goldschnitt, und cSwar wieder der Ostcrdingen von Novalis. Sic hatte also immer und immernoch in diesem Buche gelesen, und sie hatte sich die Schwindsucht herausgelesen,und sah aus wie ein leuchtender Schatten. Aber sie war jetzt von einer gei-stigen Schönheit, deren Anblick mich aufs schmerzlichste bewegte. Ich nahmihre beiden blassen, mageren Hände und sah ihr tief hinein in die blauen Au-gen und fragte sie endlich: Mademoisclle Sophia, wie befinden Sie sich?Ich befinde mich gut, antwortete sie, und bald noch besser! und sie zeigte zumFenster hinaus nach dem neuen Kirchhof, einem kleinen Hügel, unfern desHauses. Auf diesem kahlen Hügel stand eine einzige schmale dürre Pappel,woran nur noch wenige Blätter hingen, und daS bewegte sich im Herbstwind,nicht wie ein lebender Baum, sondern wie das Gespenst eines Baumes.

Unter dieser Pappel liegt jetzt Mademoisclle Sophia, und ihr hintcrlasscneSAndenken, das Buch in rothem Maroquin mit Goldschnitt, der Heinrich vonOstcrdingen des Novalis, liegt eben jetzt vor mir aus meinem Schreibtisch,und ich benutzte es bei der Abfassung dieses CapitclS.