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tingm lebte sie bei ihrer Schwester, der Frau Postmeistcrin, einer heiteren,dicken, rothbäckigen Frau mit einem hohen Busen, der, mit seinen ausgezack-ten steifen Blonden wie eine Festung aussah; diese Festung war aber unüber-windlich, die Frau war ein Gibraltar der Tugend. Es war eine thätige,wirthschaftliche, praktische Frau, und doch bestand ihr einziges Vergnügen darin,Hoffmannsche Romane zu lesen. In Hoffmann fand sie den Mann, der esverstand, ihre derbe Natur zu rütteln und in angenehme Bewegung zu setzen.Ihrer blassen zarten Schwester hingegen gab schon der Anblick eines Hoffmann-schen Buches die unangenehmste Empfindung, und berührte sie ein solches un-versehens, so zuckte sie zusammen. Sie war so zart wie eine Sinnpflanze,und ihre Worte waren so dustig, so reinklingend, und, wenn man sie zusam-mensetzte, waren es Verse. Ich Habe manches, was sie sprach, aufgeschrieben,und es sind sonderbare Gedichte, ganz in der Novalisschen Weise, nur nochgeistiger und verhallender. Eins dieser Gedichte, das sie zu mir sprach, alsich Abschied von ihr nahm um nach Italien zu reisen, ist mir besonders lieb.In einem herbstlichen Garten, wo eine Illumination statt gefunden, Hort mandas Gespräch zwischen dem letztem Lämpchen, der letzten Rose und einem wil-den Schwan. Die Morgcnnebcl brechen jetzt heran, das letzte Lämpchen isterloschen, die Rose ist entblättert und der Schwan entfaltet seine weißen Flü-gel und fliegt nach Süden.
Es giebt nemlich im Hannövrischen viele wilde Schwäne, die im Herbstnach dem wärmeren Süden auswandern und im Sommer wieder zu uns heim-kehren. Sie bringen den Winter wahrscheinlich in Afrika zu. Denn in derBrust eines tobten Schwans fanden wir einmal einen Pfeil, welchen ProfessorBlumcnbach für einen afrikanischen erkannte. Der arme Vogel, mit demPfeil in der Brust, war er doch nach dem nordischen Neste zurückgekehrt, umdort zu sterben. Mancher Schwan aber mag, von solchen Pfeilen getroffen,nicht im Stande gewesen sein, seine Reise zu vollenden, und er blieb vielleichtkraftlos zurück in einer brennenden Sandwüste, oder er sitzt jetzt mit ermatte-ten Schwingen, auf irgend einer egyptischcn Pyramide, und schaut sehnsüchtignach dem Norden, nach dem kühlen Sommcrneste im Lande Hannover.
Als ich, im Spätherbst 1828, aus dem Süden zurückkehrte, (und zwar mitdem brennenden Pfeil in der Brust,) führte mich mein Weg in die Nähe vonGüttingen, und bei meiner dicken Freundin, der Posthaltcrin, stieg ich ab, umPferde zu wechseln. Ich hatte sie seit Jahr und Tag nicht gesehen, und diegute Frau schien sehr verändert. Ihr Busen glich noch immer einer Festung,aber einer geschleiften; die Bastionen rasirt, die zwei Hauptthürme nur hän-gende Ruinen, keine Schildwache bewachte mehr den Eingang, und das Herz,die Citadelle, war gebrochen. Wie ich von dem Postillon Pieper erfuhr, hattesie sogar die Lust an den Hoffmannsche» Romanen verloren, und sie trank jetzt