Oftcrdingcn, der berühmte Dichter, ist der Held dieses Romans. Wir sehenihn als Jüngling in Eiscnach, dem lieblichen Städtchen, welches am Fußejener alten Wartburg liegt, wo schon das Größte, aber auch schon daSDümmste geschehen; wo ncmlich Luther seine Bibel übersetzt, und einigealberne Dcutschthllmler den Gensdarmerickodcr des Herrn Kamptz verbrannthaben. In dieser Burg ward auch einst jener Sängerkrieg geführt, wo, unteranderen Dichtern, auch Heinrich von Oferdingen mit Klingsohr von Unger»land den gefährlichen Wettstreit in der Dichtkunst gesungen, den uns dieManessische Sammlung aufbewahrt hat. Dem Scharfrichter sollte dasHaupt des Unterliegende» verfallen sein und der Landgraf von Thüringe»war Schiedsrichter. Bedeutungsvoll hebt sich nun die Wartburg, der Schau-platz seines späteren Ruhms, über die Wiege des Helden, und der Anfang desRomans von Novalis zeigt ihn, wie gesagt, in dem väterlichen Hanse zuEiscnach. „Die Eltern liegen schon und schlafen, die Wanduhr schlägt ihreneinförmigen Tact, vor den klappernden Fenstern saust der Wind ; abwechselndwird die Stube hell von dem Schimmer des Mondes.
„Der Jüngling lag unruhig auf seinem Lager, und gedachte des Fremdenund seiner Erzählungen. Nicht die Schätze sind es, die ein so unaussprech-liches Verlangen in mir geweckt haben, sagte er zu sich selbst, fern ab liegt miralle Habsucht: aber die blaue Blume sehne ich mich zu erblicken. Sie liegtmir unaufhörlich im Sinne und ich kann nicht anders dichten und denken.So ist mir noch nie zu Muthe gewesen: es ist als hätte ich vorhin geträumt,oder ich wäre in eine andere Welt hinübcrgeschlummert; denn in der Welt, inder ich sonst lebte, wer hätte da sich um Blumen bekümmert; und gar von einerso seltsamen Leidenschast für eine Blume habe ich damals nie gehört."
Mit solchen Worten beginnt „Heinrich von Ofterdingen," und überall indiesem Roman leuchtet und duftet die blaue Blume. Sonderbar und bcdcu-tnngsvoll ist es, daß selbst die fabelhaftesten Personen in diesem Buche uns sobekannt dünken, als hätten wir in früheren Zeiten schon recht traulich mit ihnengelebt. Alte Erinnerungen erwachen, selbst Sophia trägt so wohlbekannteGesichtszüge, und es treten uns ganze Buchenallccn ins Gedächtniß, wo wirmit ihr auf und abgegangen und heiter gekost. Aber das Alles liegt so däm-mernd hinter uns, wie ein halbvergessencr Traum.
Die Muse des Novalis war ein schlankes, weißes Mädchen mit ernsthaftblauen Augen, goldncn Hpazinthenlockcn, lächelnden Lippen und einem kleinenrothen Muttcrmahl an der linken Seite des Kinns. Ich denke mir ncmlichals Muse der Novalisschen Poesie eben dasselbe Mädchen, das mich zuerst mitNovalis bekannt machte, als ich den rothen Maroquinband mit Goldschnitt,welcher den Oftcrdingen enthielt, in ihren schönen Händen erblickte. Sietrug immer ein blaues Kleid und hieß Sophia. Einige Stazivnen von Göt-