Hoffmann gehört nicht zu der romantischen Schule. Er stand in keinerBerührung mit den Schlegeln, und noch diel weniger mit ihren Tendenzen.Ich erwähnte seiner hier nur im Gegensatz zu Novalis, der ganz eigentlich einPoet auS jener Schule ist. Novalis ist hier minder bekannt als Hoffmann,welcher von Loevc-Veimars in einem so vortrefflichen Anznge dem französischenPublikum vorgestellt worden und dadurch in Frankreich eine große Rcputazionerlangt hat. Bei uns in Deutschland ist jetzt Hoffmann keineswegs inVoguc, aber er war es früher. In seiner Periode wurde er viel gelesen, abernur von Menschen, deren Nerven zu stark oder zu schwach warm, als daß sievon gelinden Akkorden affizirt werden konnten. Die eigentlichen Geistreichenund die poetischen Naturen wollten nichts von ihm wissen. Diesen war derNovalis viel lieber. Aber, ehrlich gestanden, Hoffmann war als Dichter vielbedeutender als Novalis. Denn letzterer, mit seinen idealischen Gebilden,schwebt immer in der blauen Luft, während Hoffmann, mit allen seinen bizar-ren Fratzen, sich doch immer an der irdischen Realität festklammert. Wieaber der Niese Antheus unbezwingbar stark blieb, wenn er mit dem Fuße dieMutter Erde berührte, und seine Kraft verlor, sobald ihn Herkules in dieHöhe hob: so ist auch der Dichter stark und gewaltig, so lange er den Bodender Wirklichkeit nicht verläßt, und er wird ohnmächtig, sobald er schwärmerischin der blauen Luft umhcrschwebt.
Die große Aehnlicbkcit zwischen beiden Dichtern besteht Wohl darin, daß ihrePoesie eigentlich eine Krankheit war. In dieser Hinsicht hat man geäußert,daß die Bcurthcilung ihrer Schriften nicht das Geschäft des Kritikers, sonderndes Arztes sei. Der Rosenschcin in den Dichtungen des Novalis ist nicht dieFarbe der Gesundheit, sondern der Schwindsucht, und die Purpurglut inHoffmannS Phantasiestiickcn ist nicht die Flamme des Genies, sondern desFiebers.
Aber haben wir ein Recht zu solchen Bemerkungen, wir, die wir nicht allzusehr mit Gesundheit gesegnet sind? Und gar jetzt, wo die Literatur wie eingroßes Lazarcth aussieht? Oder ist die Poesie vielleicht eine Krankheit desMenschen, wie die Perle eigentlich nur der KrankhcitSstoff ist, woran das armeAustcrthier leidet?
Novalis wurde geboren den 2. Mai 1772. Sein eigentlicher Name istHardenberg. Er liebte eine junge Dame, die an der Schwindsucht litt undan diesem Ucbel starb. In allem, was er schrieb, weht diese trübe Geschichte,sein Leben war nur ein träumerisches Hinsterben, und er starb an der Schwind-sucht, im Iahe 18V1, che er sein neun und zwanzigstes Lebensjahr und seinenRoman vollendet hatte. Dieser Roman ist in seiner jetzigen Gestalt nur dasFragment eines großen allegorischen Gedichtes, das, wie die göttliche Komödie,cö Dante, alle irdischen und himmlischen Dinge feiern sollte. Heinrich von