Druckschrift 
5 (1855) Vermische Schriften : erste Abtheilung
Entstehung
Seite
195
Einzelbild herunterladen
 

195

»nd konnte doch eben so wenig der Despotismus seine Stricke daraus drehen,um die Geister zu binden. Nur seit Scheiling verlor die deutsche Philosophiediesen dünnen, aber harmlosen Charakter. Unsere Philosophen kritisircn seit-dem nicht mehr die lebte» Gründe der Erkenntnisse und des Seins überhaupt,sie schwebten nicht mehr in idealistischen Abstrakzionen, sondern sie suchtenGründe, um das Vorhandene zu rechtfertigen, sie wurden Justifikatorcn dessen,was da ist. Wahrend unsere früheren Philosophen, arm und entsagend, inkümmerlichen Dachstübchen hockten und ihre Systeme ausgrübeltcn, stecken un-sere jetzige» Philosophen in der brillanten Livree der Macht, sie wurden Staats-philosophcn, ncmlich sie ersannen philosophische Rechtfertigungen aller Inter-essen des Staates, worin sie sich angestellt befanden. Z. B. Hegel, Professorin dem protestantische» Berlin, hat in seinem Systeme auch die ganze evange-lisch protestantische Dogmatik aufgenommen; und Herr Schclling, Professorin dem katholischen München, justifizirt jetzt, in seinen Vorlesungen, selbst dieextravagantesten Lehrsätze der römisch katholisch apostolischen Kirche.

Ja, wie einst die alcxandrinischcn Philosophen allen ihren Scharfsinn auf-geboten, um, durch allegorische Auslegungen, die sinkende Religion des Jnpitcrvor dem gänzlichen Untergang zu bewahren, so versuchen unsere deutschenPhilosophen etwas AehnlichcS für die Religion Christi. Es kümmert unswenig zu untersuchen, ob diese Philosophen einen uneigennützigen Zweckhaben; sehen wir sie aber in Verbindung mit der Parthci der Priester, derenmaterielle Interessen mit der Erhaltung des Katholizismus verknüpft ist, sonennen wir sie Jesuiten. Sie mögen sich aber nicht einbilden, daß wir siemit den älteren Jesuiten verwechseln. Diese waren groß und gewaltig, vollWeisheit und Willenskraft. O, der schwächlichen Zwerge, die da wähnen,sie würden die Schwierigkeiten besiegen, woran sogar jene schwarzen Niesengescheitert! Nie hat der menschliche Geist größere Combinazioncn ersonnen,als die, wodurch die alten Jesuiten den Katholizismus zu erhalten suchten.Aber cS gelang ihnen nicht, weil sie nur für die Erhaltung des Katholizismusund nicht für de» Katholizismus selbst begeistert waren. An letzterem, an»nd für sich, war ihnen eigentlich nicht viel gelegen; daher profanirtcn siezuweilen das katholische Prinzip selbst, um cS nur zur Herrschaft zu bringen ;sie verständigten sich mit dem Heidcnthum, mit den Gewalthabern der Erde,beförderten deren Lüste, wurden Mörder und Handelsleute, und, wo dar-auf ankam, wurden sie sogar Atheisten. Aber vergebens gewährten ihreBeichtiger die freundlichsten Absoluzioucn und buhlten ihre Casuisten mitjedem Laster und Verbrechen. Vergebens haben sie mit den Laien in Kunstund Wissenschaft gewettcifert, um beide als Mittel zu benutzen. Hier wirdihre Ohnmacht ganz sichtbar. Sic beneideten alle großen Gelehrten undKünstler und konnten doch nichts Außerordentliches entdecken oder schassen.