— 190 —
ideale Begeisterung ist von so gewaltig hinreißender Art, daß der reale Ver-stand, initsammt seinen Eseln, ihr immer unwillkührlich nachfolgen muß.
Oder hat der tiefsinnige Spanier noch tiefer die menschliche Natur verhöh-nen wollen? Hat er vielleicht in der Gestalt des Don Qnixotc unseren Geist,und in der Gestalt des Sancho Pansa unseren Leib allcgorisirt, und das ganzeGedicht wäre alsdenn nichts anders als ein großes Mysterium, wo die Frageiibcr den Geist und die Materie in ihrer gräßlichsten Wahrheit diskutirt wird?So viel sehe ich in dem Buche, daß der arme, materielle Sancho für die spi-rituellen Don Quixoterien sehr viel leiden muß, daß er für die nobelsten Ab-sichten seines Herren sehr oft die ignobelstcn Prügel empfängt, und daß erimmer verständiger ist, als sein hochtrabender Herr; denn er weiß, baß Prügelsehr schlecht, die Würstchen einer Olla-Potrida aber sehr gut schmecken.Wirklich, der Leib scheint oft mehr Einsicht zu haben, als der Geist, und derMensch denkt oft viel richtiger mit Rücken und Magen, als mit dem Kopf.
3.
Unter den Verrücktheiten der romantischen Schule in Deutschland verdientdas unaufhörliche Rühmen und Preisen des Jakob Böhme eine besondereErwähnung. Dieser Name war gleichsam das Schiboleth dieser Leute.Wenn sie den Namen Jakob Böhme aussprachen, dann schnitten sie ihre tief-sinnigsten Gesichter. War das Ernst oder Spaß ?
Jener Jakob Böhme war ein Schuster, der Anno 1575 zu Wörlitz, in derOberlausiß, das Licht der Welt erblickt und eine Menge theosophischer Schriftenhinterlassen hat. Diese sind in deutscher Sprache geschrieben, und warendaher unfern Romantikern um so zugänglicher. Ob jener sonderbare Schusterein so ausgezeichneter Philosoph gewesen ist, wie viele deutsche Mystiker be-haupten, darüber kann ich nicht allzu genau urtheilcn, da ich ihn gar nichtgelesen; ich bin aber überzeugt, daß er keine so gute Stiefel gemacht hat wieHerr Sakoski. Die Schuster spielen überhaupt eine Rolle in unserer Lite-ratur, und Hans Sachs, ein Schuster, welcher im Jahre 1151 zu Nllrrcm»berg geboren ist, und dort sein Leben verbracht, ward von der romantischenSchule als einer unserer besten Dichter gepriesen. Ich habe ihn nie gelesen,und ich muß gestehen, daß ich zweifle ob Herr Sakoski jemals so gute Versegemacht hat, wie unser alter, vortrefflicher Hans Sachs.
Des Herrn Schellings Einfluß auf die romantische Schule habe ich bereitsangedeutet. Da ich ihn später besonders besprechen werde, kann ich mir hierseine ausführliche Benrtheilung ersparen. Jedenfalls verdient dieser Mann