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5 (1855) Vermische Schriften : erste Abtheilung
Entstehung
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Dies mahnt an eine mahometanischc Sage. Der Prophet hatte zu demBerge gesagt: Berg komm zu mir. Aber der Berg kam nicht. Und siehe!das größere Wunder geschah, der Prophet ging zu dem Berge.

Herr Tieck ist geboren zu Berlin, den 3t. Mai 1773. Seit einer ReiheJahre hat er sich zu Dresden niedergelassen, wo er sich meistens mit dem Thea-ter beschäftigte, und er, welcher in seinen früheren Schriften die Hofräthe alsTypus der Lächerlichkeit beständig pcrsifflirt hatte, er selber wurde jetzt königlichsächsischer Hofrath. Der liebe Gott ist doch immer noch ein größerer Ironikerals Herr Tieck.

Es ist jetzt ein sonderbares Mißvcrhältniß eingetreten zwischen dem Ver-stände und der Phantasie dieses Schriftstellers. Jener, der Ticcksche Verstandist ein honetter, nüchterner Spießbürger, der dem Nützlichkeitssystem huldigtund nichts von Schwärmerei wissen will; jene aber, die Ticcksche Phantasie,ist noch immer das ritterliche Fraucnbild mit den wehenden Feder» auf demBarett, mit dem Falken auf der Faust. Diese beiden führen eine kuriose Ehe,und es ist manchmal betrübsam zu schauen, wie das arme hochadligc Weibdem trockenen bürgerlichen Gatten in seiner Wirtschaft, oder gar in seinemKäseladen bchlllflich sein soll. Manchmal aber, des Nachts, wenn der HerrGemahl, mit seiner baumwollenen Mütze über dem Kopfe, ruhig schnarcht,erhebt die edle Dame sich von dem ehelichen Zwangslage?, und besteigt ihrweißes Roß, und jagt wieder lustig, wie sonst, im romantischen Zaubcrwald.

Ich kann nicht umhin zu bemerken, daß der Ticcksche Verstand, in seinenjüngsten Novellen, noch grämlicher geworden, und daß zugleich seine Phan-tasie von ihrer romantischen Natur immer mehr und mehr einbüßt, und inkühlen Nächten, sogar mit gähnendem Behagen, im Ehebette liegen bleibt undsich dem dürren Gemahlc fast liebevoll anschließt.

Herr Tieck ist jedoch immer noch ein großer Dichter. Denn er kann Ge-stalten schassen, und aus seinem Herzen dringen Worte, die unsere eigenenHerzen bewegen. Aber ein zages Wesen, etwas Unbestimmtes, Unsicheres,eine gewisse Schwächlichkeit ist nicht bloß jetzt, sondern war von jeher an ihmbemerkbar. Dieser Mangel an entschlossener Kraft gicbt sich nur allzusehrkuud in allem was er that und schrieb. Wenigstens in allem was er schrieb,offenbart sich keine Selbstständigkeit. Seine erste Manier zeigt ihn als garnichts; seine zweite Manier zeigt ihn als einen getreuen Schildknappen derSchlegel; seine dritte Manier zeigt ihn als einen Nachahmer Goethes. SeineTheaterkritiken, die unter dem Titeldramaturgische Blätter" gesammelt,sind noch das Originalste, was er geliefert hat. Aber es sind Theaterkritiken.

Um den Hamlet ganz als Schwächling zu schildern, läßt Shakespeare ihnau ch, im Gespräche mit den Comödiantcn, als einen guten Theaterkritiker er-scheinen.