Weit kostbarer »och als jene Dramen sind die Novellen, die Herr Ticck inseiner zweiten Manier geschrieben. Auch diese sind meistens den alten Volks-sagen nachgebildet. Die vorzüglichsten sind: „der blonde Eckbert," und „derNuncnbcrg." In diesen Dichtungen herrscht eine gchcimnißvollc Innigkeit,ein sonderbares Einverständnis; mit der Natur, besonders mit dem Pflanzcn-nnd Steinreich. Der Leser suhlt sich da wie in einem verzauberten Walde;er hört die unterirdischen Quellen melodisch rauschen; er glaubt manchmal,im Geflüster der Baume, seinen eigenen Namen zu vernehmen; die breitblät-trigcn Schlingpflanzen umstricken manchmal beängstigend seinen Fuß; wild-fremde Wunderblumen schauen ihn an mit ihren bunten sehnsüchtigen Auge»;unsichtbare Lippen küssen seine Wangen mit neckender Zärtlichkeit; hohe Pilze,wie goldnc Glocken, wachsen klingend empor am Fuße der Bäume; großeschweigende Vögel wiegen sich auf dm Zweigen, und nicken herab mit ihrenklugen, langen Schnäbeln; alles athmct, alles lauscht, alles ist schauernd er-wartungsvoll:— da ertönt plötzlich das weiche Waldhorn, und auf weißemZelter jagt vorüber ein schönes Frauenbild, mit wehenden Federn auf demBarett, mit dem Falken auf der Faust. Und dieses schöne Fräulein ist soschön, so blond, so vcilchcnäugig, so lächelnd und zugleich so ernsthaft, so wahrund zugleich so ironisch, so keusch und zugleich so schmachtend, wie die Phan-tasie unseres vortrefflichen Ludwig Ticck. Ja, seine Phantasie ist ein hold-seliges Rittcrfräulcin, das im Zaubcrwaldc nach fabelhaften Thiercn jagt,vielleicht gar nach dem seltenen Einhorn, das sich nur von einer reinen Jung-frau fangen läßt.
Eine merkwürdige Veränderung bcgiebt sich aber seht mit Herrn Tieck, unddiese bekundet sich in seiner dritten Manier. Als er nach dem Sturze derSchlegel eine lange Zeit geschwiegen, trat er wieder öffentlich auf, und zwarin einer Weise, wie man sie von ihm am wenigsten erwartet hätte. Der ehe-malige Enthusiast, welcher einst, aus schwärmcnschcm Eifer, sich in den Schooßder katholischen Kirche begeben, welcher Aufklärung und Protestantismus sogewaltig bekämpft, welcher nur Mittelalter, nur feudalistisches Mittelalterathmete, welcher die Kunst nur in der naiven Hcrzensergicßung liebte: diesertrat seht aus als Gegner der Schwärmerei, als Darsteller des modernstenBürgericbens, als Künstler, der in der Kunst das klarste Selbstbewußtsein ver-langte, kurz als ein vernünftiger Mann. So sehen wir ihn in einer Reiheneuer Novellen, wovon auch einige in Frankreich bekannt geworden. DasStudium Goethes ist darin sichtbar, so wie überhaupt Herr Ticck in feinerdritten Manier als ein wahrer Schüler Goethes erscheint. Dieselbe artistischeKlarheit, Heiterkeit, Ruhe und Ironie. War es früher der SchlcgelschenSchule nicht gelungen, den Goethe zu sich heranzuziehen, so sehen wir jetzt,wie diese Schule, repräscntirt von Herrn Ludwig Tieck, zu Goethe überging.