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5 (1855) Vermische Schriften : erste Abtheilung
Entstehung
Seite
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Manieren unterscheiden. Seine erste Manier gehört noch ganz der früherenalten Schule. Er schrieb damals nur auf Antrieb und Bestellung eines Buch-händlers, welcher eben kein anderer war als der selige Nikolay selbst, der eigen-sinnigste Champion der Aufklärung und Humanität, der große Feind desAberglaubens, des Mystizismus und der Nomantik. Nikolay war ein schlech-ter Schriftsteller, eine prosaische Perücke, und er hat sich mit seiner Jcsuitcn-riccherei oft sehr lächerlich gemacht. Aber wir Spätergeborcnen, wir müssendoch eingestehen, daß der alte Nikolay ein grundehrlicher Mann war, der esredlich mit deni deutschen Volke meinte, und der aus Liebe für die heilige Sacheder Wahrheit sogar das schlimmste Martyrthum, das Lächerlichwerden, nichtscheute. Wie man mir zu Berlin erzählt, lebte Herr Ticck früherhin in demHause dieses Mannes, er wohnte eine Etage höher als Nikolay, und die neueZeit trampelte schon über dem Kopfe der alten Zeit.

Die Werke, die Herr Ticck in seiner ersten Manier schrieb, meistens Erzäh-lungen und große lange Romane, worunter William Lovell der beste, sindsehr unbedeutend, ja sogar ohne Poesie. Es ist als ob diese poetisch reicheNatur in der Jugend gcitzig gewesen sei, und alle ihre geistigen Rcichlhümcrfür eine spätere Zeit aufbewahrt habe. Oder kannte Herr Ticck selber nichtdie Reichthümer seiner eigenen Brust, und die Schlegel mußten diese erst mitder Wünschelruthe entdecken? So wie Herr Ticck mit den Schlegeln in Be-rührung kam, erschlossen sich alle Schätze seiner Phantasie, seines Gcmüthesund seines Witzes. Da leuchteten die Diamanten, da quollen die klarstenPerlen, und vor allem blitzte da der Karfunkel, der fabelhafte Edelstein, wo-von die romantischen Poeten damals so viel gesagt und gesungen. Diese reicheBrust war die eigentliche Schatzkammer, wo die Schlegel für ihre literärischenFeldzüge die Kriegskostcn schöpften. Herr Tieck mußte für die Schule dieschon erwähnten satyrischen Lustspiele schreiben und zugleich nach den neuenästhetischen Rezepten eine Menge Poesien jeder Gattung verfertigen. Dasist nun die zweite Manier des Herrn Ludwig Tieck. Seine cmpfchlenswer-tbestcn dramatischen Produkte in dieser Manier sindder Kaiser Octavian,"die heilige Gcnofcva" und derFortunat," drei Dramen, die den gleichna-migen Volksbüchern nachgebildet sind. Diese alten Sagen, die das deutscheVolk noch immer bewahrt, hat hier der Dichter in neuen kostbaren Gewändengekleidet. Aber, ehrlich gestanden, ich liebe sie mehr in der alten naiven treu-herzigen Form. So schön auch die Ticcksche Geuofcva ist, so habe ich dochweit lieber das alte, zu Köln am Rhein sehr schlecht gedruckte Volksbuch mitseinen schlechten Holzschnitten, worauf aber gar rührend zu schauen ist, wie diearme nackte Pfalzgräfin nur ihre laugen Haare zur keuschen Bedeckung hat,uud ihren kleinen Schmcrzenreich an den Zitzen einer mitleidigen Hirschkuhsaugen läßt.