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5 (1855) Vermische Schriften : erste Abtheilung
Entstehung
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atlnnct noch das Mittelalter. In ihm und in der Fronde röchelt noch dasalte Rittcrthum. Man nennt ihn anch deshalb manchmal romantisch. InRacine ist aber die Denkweise des Mittelalters ganz erloschen ; in ihm er-wachen lauter neue Gefühle; er ist das Organ einer neuen Gesellschaft; inseiner Brust dufteten die ersten Veilchen unseres modernen Lebens; ja wirtonnten sogar schon die Lorbeeren darin knoöpen sehen, die erst spater, in derjüngsten Zeit, so gewaltig emporgeschossen. Wer weiß, wie viel Thaten ansNacineS zärtlichen Versen erblüht sind! Die französischen Helden, die bei denPyramiden, bei Marcngo, bei Austerlitz, bei Moskau und bei Waterloo be-graben liegen, sie hatten alle einst Racines Verse gehört, und ihr Kaiser hattesie gehört aus dem Munde Talmas. Wer weiß wie viel Zentner Ruhm vondcrVcndomesäule eigentlich dem Racine gebühren. Ob Euripides ein größererDichter ist als Racine, das weiß ich nicht. Aber ich weiß, daß letzterer einelebendige Quelle von Liebe und Ehrgefühl war, und mit seinem Tranke einganzes Volk berauscht und entzückt und begeistert hat. Was verlangt ihr mehrvon einem Dichter? Wir sind alle Menschen, wir steigen ins Grab undlassen zurück unser Wort, und wenn dieses seine Mission erfüllt hat, dannkehrt cS zurück in die Brust Gottes, den Sammelplatz der Dichtcrwortc,die Hcimath aller Harmonie.

Hätte sich nun Herr Schlegel darauf beschränkt, zu behaupten, daß dieMission des Racinischcn Wortes vollendet sei, und daß die fortgerückte Zeitganz anderer Dichter bedürfe, so hätten seine Angriffe einigen Grund. Abergrundlos waren sie, wenn er RacincS Schwäche durch eine Verglcichung mitälteren Dichtern erweisen wollte. Nicht bloS ahnte er nichts von der unend-lichen Anmuth, dem süßen Scherz, dem tiefen Reiz, welcher darin lag, daßRacine seine neuen französischen Helden mit antiqucn Gewändern kostumirte,und zu dem Interesse einer modernen Leidenschaft noch das Interessante einergeistreichen M^kerade mischte: Herr Schlegel war sogar tölpelhaft genug,jene Vermummung für baarc Münze zu nehmen, die Griechen von Versaillesnach den Griechen von Athen zu beurtheilcn, und die Phädra des Racine mitder Phädra des EuripideS zu vergleichen! Diese Manier, die Gegenwartmit dem Maaßstabc der Vergangenheit zu messen, war bei Herrn Schlegelso eingewurzelt, daß er immer mit dem Lorbecrzweig eines älteren Dichtersden Rücken der jüngeren Dichter zu gciseln pflegte, und daß er, um wiederden EuripideS selber herabzusetzen, nichts besseres wußte, als daß er ihn mitdem älteren Sophokles, oder gar mit dem Acschylus, verglich.

Es würde zu weit führen, wollte ich hier entwickeln wie Herr Schlegel gegenden EuripideS, den er in jener Manier herabzuwürdigen gesucht, eben so, wieeinst Aristophanes, das größte Unrecht verübt. Letzterer, der Aristophanes,befand sich, in dieser Hinsicht, auf einem Standpunkte, welcher mit dem