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5 (1855) Vermische Schriften : erste Abtheilung
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Kosten der Dichtungen, worin unsere moderne Gegenwart athmet und lebt,cmporzupreisen. Aber der Tod ist nicht poetischer als das Leben. Die alt-englischen Gedichte, die Pcrcy gesammelt, geben den Geist ihrer Zeit, undBürgers Gedichte geben den Geist der unsrigcn. Diesen Geist begriff HerrSchlegel nicht; sonst würde er in dem Ungestüm, womit dieser Geist zuweilenaus den Bürgerschen Gedichten hervorbricht, keincSwcg den rohen Schrei einesungebildeten Magisters gehört haben, sondern vielmehr die gewaltigen Schmerz-laute eines Titanen, welchen eine Aristokrazie von hannövrischcn Junker» undSchulpedanten zu Tode quälte. Dieses war nemlich die Lage des Verfassersder Lconore, und die Lage so mancher anderen geniale» Menschen, die alsarme Dozenten in Köttingen darbten, verkümmerten, und in Elend starben.Wie konnte der vornehme, von vornehmen Gönnern beschützte, rcuovirte, baro-nisirte, bebänderte Ritter August Wilhelm von Schlegel jene Verse begreifen,worin Bürger laut ausruft: daß ein Ehrenmann, che er die Gnade der Großenerbettle, sich lieber aus der Welt heraus hungern solle!

Der NameBürger" ist im Deutschen gleichbedeutend mit dem Worte

cöoz/e?!.

Was den Ruhm des Herrn Schlegel noch gesteigert, war das Aufsehen,welches er später hier in Frankreich erregte, als er auch die literarischen Auto-ritäten der Franzosen angriff. Wir sahen mit stolzer Freude, wie unscrkampslustiger Landsmann den Franzosen zeigte, daß ihre ganze klassische Lite-ratur nichts Werth sei, daß Molibre ein Possenreißer und kein Dichter sei, daßRacine ebenfalls nichts tauge, daß man uns Deutsche hingegen als die Kö-nige des Parnassus betrachten müsse. Sein Refrain war immer, daß dieFranzosen das prosaischste Volk der Welt seien und daß es in Frankreichgar keine Poesie gäbe. Dieses sagte der Mann zu einer Zeit, als vor seinenAugen noch so mancher Chorführer der Convcnzion, der großen Titancntra«gödie, leibhaftig umherwandclte; zu einer Zeit als Napoleon jeden Tag eingutes Epos improvisirte, als Paris wimmelte von Helden, Königen und Göt-tern ..... Herr Schlegel hat jedoch von dem allem nichts gesehen; wenner hier war, sah er sich selber beständig im Spiegel, und da ist es wohl er-klärlich, daß er in Frankreich gar keine Poesie sah.

Aber Herr Schlegel, wie ich schon oben gesagt, vermochte immer nur diePoesie der Vergangenheit und nicht der Gegenwart zu begreifen. Alles wasmodernes Leben ist, mußte ihm prosaisch erscheinen, und unzugänglich bliebihm die Poesie Frankreichs, des Mutterbodens der modernen Gesellschaft.Racine mußte gleich der Erste sein, den er nicht begreifen konnte. Denn diesergroße Dichter steht schon als Herold der modernen Zeit neben dem großenKönige, mit welchem die moderne Zeit beginnt. Racine war der erste mo-derne Dichter, wie Ludwig XIV. der erste moderne König war. In Corneille