— 177 —
Herren Lassen, seinem gelehrten Collaborator. Herr Franz Bopp zu Berlinist in Deutschland der eigentliche Sanskritgelchrte, er ist der Erste in seinemFache. In der Gcschichtsknnde hat sich Herr Schlegel einmal an dem RuhmeNiebuhrs, den er angriff, fcstkrämpen wollen; oder vergleicht man ihn mit die-sem großen Forscher, oder vergleicht man ihn mit einem Johannes v. Müller,einem Heeren, einem Schlosser und ähnlichen Historikern, so muß man überihn die Achsel zucken. Wie weit hat er es aber als Dichter gebracht? Diesist schwer zu bestimmen.
Der Violinspiclcr Solomons, welcher dem König von England, Georg III.,Unterricht gab, sagte einst zu seinem erhabenen Schuler: „die Violinspiclerwerden eingcthcilt in drei Classen; zur ersten Classe gehören die, welche garnicht spielen können, zur zweiten Classe gehören die, welche sehr schlecht spielen,und zur dritten Classe gehören endlich die, welche gut spielen; Ew. Majestäthat sich schon bis zur zweiten Classe emporgeschwungen."
Gehört nun Herr A. W. Schlegel zur ersten Classe oder zurzwciten Classe?Die Eine» sagen, er sei gar kein Dichter; die Anderen sagen, er sei ein sehrschlechter Dichter. So viel weiß ich, er ist kein Paganini.
Seine Berühmtheit erlangte Herr A. W. Schlegel eigentlich nur durch dieunerhörte Keckheit, womit er die vorhandenen literarischen Autoritäten angriff.Er riß die Lorbeerkränze von den alten Perücken und erregte bei dieser Gele-genheit viel Puderstaub. Sein Ruhm ist eine natürliche Tochter des Scandals.
Wie ich schon mehrmals erwähnt, die Critik, womit Herr Schlegel die vor-handenen Autoritäten angriff, beruhte durchaus auf keiner Philosophie. Nach-dem wir von jenem Erstaunen, worin jede Vermessenheit uns verseht, zurück-gekommen, erkennen wir ganz und gar die innere Leerheit der sogenanntenSchlegelschcn Critik. Z. B. wenn er den Dichter Bürger herabsehen will,so vergleicht er dessen Balladen mit den altenglischen Balladen, die Percy ge-sammelt, und er zeigt, wie diese viel einfacher, naiver, alterthümlicher undfolglich poetischer gedichtet seien. Hinlänglich begriffen hat Herr Schlegel denGeist der Vergangenheit, besonders des Mittelalters, und cS gelingt ihm daherdiesen Geist auch in den Kunstdcnkmälern der Vergangenheit nachzuweisen,und ihre Schönheiten aus diesem Gesichtspunkte zu demonstrircn. Aber Alleswas Gegenwart ist, begreift er nicht; höchstens erlauscht er nur etwas von derPhysiognomie, einige äußerliche Züge der Gegenwart, und das sind gewöhnlichdie minder schönen Züge; indem er nicht den Geist begreift, der sie belebt, sosieht er in unserem ganzen modernen Leben nur eine prosaische Fräße. lieber-haupt, nur ein großer Dichter vermag die Poesie seiner eigenen Zeit zu erken-nen; die Poesie einer Vergangenheit offenbart sich »nS weit leichter, und ihreErkcnntniß ist leichter mitzuthcilen. Daher gelang es Herrn Schlegel beimgroßen Haufen die Dichtungen, worin die Vergangenheit eingesargt liegt, auf