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5 (1855) Vermische Schriften : erste Abtheilung
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des Herrn Schnbart über Goethe gehören zu den Merkwürdigkeiten der hohenKritik. Was Herr Häring, der unter dem Namen Willibald Alexis schreibt,in verschiedenen Zeitschriften über Goethe gesagt hat, war eben so bedeutendwie geistreich. Herr Zimmermann, Professor zu Hamburg, hat in seinenmündlichen Vortragen die vortrefflichsten Nrtheilc über Goethe ausgesprochen,die man zwar spärlich aber desto tiefsinniger in seinen dramaturgischen Blät-tern angedeutet findet. Auf verschiedenen deutschen Universitäten wurde einKollegium über Goethe gelesen, und von allen seinen Werken war es vorzüg-lich der Faust, womit sich das Publikum beschäftigte. Er wurde vielfach fort-gesetzt und kommentirt, er ward die weltliche Bibel der Deutschen.

Ich wäre kein Deutscher, wenn ich bei Erwähnung des FausteS nicht einigeerklärende Gedanken darüber ausspräche. Denn vom größten Denker biszum kleinsten Markör, vom Philosophen bis herab zum Doktor der Philoso-phie, übt jeder seinen Scharfsinn an diesem Buche. Aber es ist wirklich ebenso weit wie die Bibel, und, wie diese, umfaßt es Himmel und Erde, mit-sammt dem Menschen und seiner Exegese. Der Stoff ist hier wieder derHauptgrund weshalb der Faust so populär ist; daß er jedoch diesen Stoffherausgesucht aus den Volkssagcn, das zeugt eben von Goethes unbewußtemTiefsinn, von seinem Genie, das immer daS Nächste und Rechte zu ergreifenwußte. Ich darf den Inhalt des Faust als bekannt voraussetzen; denn dasBuch ist in der letzten Zeit auch in Frankreich berühmt geworden. Aber ichweiß nicht, ob hier die alte Volkssagc selbst bekannt ist, ob auch hier zu Land,auf den Jahrmärkten, ein graues, fließpapicrnes, schlechtgcdrucktcS und mitderben Holzschnitten verziertes Buch verkauft wird, worin umständlich zu lesenist: wie der Erzzaubcrcr Johannes Faustus, ein gelehrter Doktor, der alleWissenschaften studirt hatte, am Ende seine Bücher wegwarf, und ein Bünd-niß mit dem Teufel schloß, wodurch er alle sinnlichen Freuden der Erde ge-nießen konnte, aber auch seine Seele dem höllischen Verderben hingeben mußte.Das Volk im Mittelalter hat immer, wenn es irgendwo große GeistcSmachtsah, dergleichen einem Tcufclsbündniß zugeschrieben, und der AlbertusMagnus, Raimund LulluS, Theophrastus ParazelsuS, Agrippa von Nettes-heim, auch in England der Roger Baco, galten für Zauberer, Schwarzkünst-ler, Teufclsbanncr. Aber weit cigcnthümlichcrc Dinge singt und sagt manvon dem Doktor Faustus, welcher nicht bloß die Erkcnntniß der Dinge son-dern auch die reellsten Genüsse vom Teufel verlangt hat, und das ist eben derFaust, der die Buchdruckern erfunden und zur Zeit lebte, wo man anfing,gegen die strenge Kirchcnantorität zu predigen und srlbstständig zu forschen:so daß mit Faust die mittelalterliche Glaubcnspcriodc aufhört und die modernekritische Wisscnschaftspcriode anfängt. Es ist, in der That, sehr bedeutsam,baß zur Zeit, wo, nach der Volksmcinung, der Faust gelebt hat, eben die

Heine. V. IS