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5 (1855) Vermische Schriften : erste Abtheilung
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der Vergangenheit als unmoralisch verketzern, wenn solche nach dem Maßstäbeder zeitigen Moral bcurtheilt werden sollen. Wie wir cS auch wirklich erlebt,haben gute Christen, welche das Fleisch als teuflisch verdammen, immer einNergcrniß empfunden beim Anblick der griechischen Götterbilder; keusche Mönchehaben der antigucn Venus eine Schürze vorgebunden; sogar bis in die neuestenZeiten hat man den nackte» Statuen ein lächerliches Feigenblatt angeklebt; einfrommer Quäker hat sein ganzes Vermögen aufgeopfert, um die schönste» my-thologischcn Gemälde des Giulio Romano anzukaufen und zu verbrennenwahrlich, er verdiente dafür in den Himmel zu kommen und dort täglich mitRuthen gepeitscht zu werden! Eine Religion, welche etwa Gott nur in dieMaterie sehte, und daher nur das Fleisch für göttlich hielte, müßte, wenn siein die Sitten überginge, eine Moral hervorbringen, wonach nur diejenigenKunstwerke prcisenswcrtb, die das Fleisch verherrlichen, und wonach im Ge-gentheil die christlichen Kunstwerke, die nur die Richtigkeit des Fleisches dar-stellen, als unmoralisch zu verwerfen wären. Ja, die Kunstwerke, die in demeinen Laude moralisch, werden in einem anderen Lande, wo eine andere Re-ligion in die Sitten übergegangen, als unmoralisch betrachtet werden können,z. B. unsere bildenden Künste erregen den Abscheu eines strenggläubigenMoslem, und dagegen manche Künste, die in den Harcmcn des Morgenlandsfür höchst unschuldig gelte», sind dem Christen ein Grcnel. Da in Indien derStand einer Bajadere durchaus nicht durch die Sitte flctrirt ist, so gilt dortdas DramaVasantasena," dessen Heldin ein feiles Freudenmädchen, durch-aus nicht für unmoralisch; wagte man es aber einmal dieses Stück im TheaterFranpais aufzuführen, so würde das ganze Parterre über Jmmoralität schreien,dasselbe Parterre, welches täglich mit Vergnügen die Jntrigucnstückc betrachtet,deren Heldinnen junge Wittwcn sind, die am Ende lustig heurathcn, statt sich,wie die indische Moral es verlangt, mit ihren verstorbenen Gatten zu verbrennen.

Indem die Goethcancr von solcher Ansicht ausgehen, betrachten sie die Kunstals eine unabhängige zweite Welt, die sie so hoch stellen, daß alles Treiben derMenschen, ihre Religion und ihre Moral, wechselnd und wandelbar, unter ihrhin sich bewegt. Ich kann aber dieser Ansicht nicht unbedingt huldigen; dieGoethcancr ließen sich dadurch verleiten, die Kunst selbst als das Höchste zuproklamirc», und von den Ansprüchen jener ersten wirklichen Welt, welcherdoch der Borrang gebührt, sich abzuwenden.

Schiller hat sich jener ersten Welt viel bestimmter angeschlossen als Goethe,und wir müssen ihn in dieser Hinsicht loben. Ihn, den Friedrich Schiller, er-faßte lebendig der Geist seiner Zeit, er rang mit ihm, er ward von ihm be-zwungen, er folgte ihm zum Kampfe, er trug sein Banner, und es war das-selbe Banner, worunter man auch jenseits des Rheines so enthusiastisch stritt,und wofür wir noch immer bereit sind, unser bestes Blut zu vergießen. Schil-