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5 (1855) Vermische Schriften : erste Abtheilung
Entstehung
Seite
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sogenannten falschen Wandcrjahre, welche uutcr dem TitelWilhelm MeistersWanderjahre" im Jahre 1821, also bald nach dem Untergang der Schlegel,bei Gottfried Basse in Quedlinburg herauskamen. Goethe hatte nemlich un-ter eben diesem Titel eine Fortsetzung von Wilhelm Meisters Lehrjahren an-gekündigt, und sonderbarerweise erschien diese Fortsetzung gleichzeitig mit jenemliterarischen Doppelgänger, worin nicht blos die goctheschc Schreibart nachge-ahmt war, sondern auch der Held des gocthcschcn Originalromans sich alshandelnde Person darstellte. Diese Nachäffung zeugt nicht sowohl von vielemGeiste, als vielmehr von großem Takte, und da der Verfasser einige Zeit seineAnonymität zu bewahren wußte und man ihn vergebens zu crrathen suchte, soward das Interesse des Publikums noch künstlich gesteigert. Es ergab sichjedoch am Ende, daß der Verfasser ein bisher unbekannter Landprediger war,NamensPustkuchen," was auf franzosisch ommelotto soutSSo heißt, einName, welcher auch sein ganzes Wesen bezeichnete. Es war nichts andersals der alte pictistische Sauerteig, der sich ästhetisch aufgeblasen hatte. Esward dem Goethe in jenem Buche vorgeworfen: daß seine Dichtungen keine»moralischen Zweck hätten; daß er keine edlen Gestalten, sondern nur vulgaireFiguren schaffen könne; daß hingegen Schiller die idealisch edelsten Charaktereaufgestellt und daher ein größerer Dichter sei.

Letzteres, daß nemlich Schiller größer sei als Goethe, war der besondereStreitpunkt, den jenes Buch hervorgerufen. Man verfiel in die Manie, dirProdukte beider Dichter z» vergleichen und die Meinungen theiltcn sich. TicSchillcrianer pochten auf die sittliche Herrlichkeit eines Mar Pikolomini, einerThekla, eines Marquis Posa, und sonstiger schillerschen Thcatcrhcldcn, wo-gegen sie die goetheschen Personen, eine Philine, ein Käthchen, ein Klärchcnund dergleichen hübsche Kreaturen für unmoralische Weibsbilder erklärten.Die Goetheaner bemerkten lächelnd, daß letztere und auch die goetheschen Hel-den schwerlich als moralisch zu vertreten wären, daß aber die Beförderung derMoral, die man von Goethes Dichtungen verlange, keineswegs der Zweck derKunst sei: denn in der Kunst gäbe es keine Zwecke, wie in dem Wcltbau selbst,wo nur der Mensch die BegriffeZweck und Mittel" hineingegrübelt; dieKunst, wie die Welt, sei ihrer selbst willen da, und wie die Welt ewig dieselbebleibt, wenn auch in ihrer Beurtheilung die Ansichten der Menschheit un-aufhörlich wechseln, so müsse auch die Kunst von den zeitlichen Ansichten derMenschen unabhängig bleiben; die Kunst müsse daher besonders unab-hängig bleiben von der Moral, welche auf der Erde immer wechselt, so ofteine neue Religion emporsteigt und die alte Religion verdrängt. In derThat, da jedesmal nach Abflusseiner Reihe Jahrhunderte immer eine neueReligion in der Welt aufkommt, und indem sie in die Sitten übergeht, sichauch als eine neue Moral geltend macht: so würde jede Zeit die Kunstwerke